DAPHNES LÄCHELN
(Il sorriso di Daphne, 2002)

Übersetzung Petra Fröhmcke
 

Italienische Ausgabe:

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IL SORRISO DI DAPHNE
Olimpico Prize, Vicenza 2006
Enrico Maria Salerno Prize, Rome 2004
Ubu Prize, Milan 2006
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with:
Vittorio Franceschi (Giovanni, called Vanni)
Laura Curino (Rosa, his sister)
Laura Gambarin (Sibilla)
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Directed by Alessandro D’Alatri
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Music, Germano Mazzocchetti
Sets, Matteo Soltanto
Costumes, Carolina Olcese
Lights, Paolo Mazzi
Sound, Federica Giuliano
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Direction assistants
Gabriele Tesauri, Marla Moffa

Production: ARENA DEL SOLE
Nuova Scena / Teatro Stabile di Bologna

Season 2005/06 and 2006/07
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Personen

Giovanni, genannt Vanni – etwa sechzig Jahre alt

Rosa, seine Schwester – ein paar Jahre jünger

Sibilla – sechsundzwanzig Jahre alt


 











 
Die Bühne

Ein Zimmer mit einem Tisch in der Mitte auf dem sich Bücher und Papiere häufen. Zwischen den Papieren ein Vergrößerungsglas. Rechts, an der Wand ein Bett. Auf einem  Tischchen in Fensternähe steht eine kleine Pflanze in einem Blumentopf. Unter dem Tischchen liegt eine kleine Haube aus festem Leinen, die dazu dient, die Pflanze in bestimmten Momenten abzudecken. Die linke Wand wird ganz von einem Regal , voll von Büchern eigenommen, die bis an die Decke reichen. In der Mitte dieser Bücherwand eine kleine Tür, die ins Bad führt. An der hinteren Wand auf der linken Seite eine Tür. Neben der Tür ein ausgeblichener blauer Fleck an der Wand. Rechts ein Schrank. In der Mitte der Wand eine Farbtafel von der Größe einer Landkarte, auf der ein Herbarium dargestellt ist. Neben dem Herbarium, mehrere Fotos, die Vanni mit den Füßen im Wasser vor Baumstümpfen von Mangrovien zeigen. Über der Tür eine an einem Nagel aufgehängte Geige.
Ab und an hört man hier im zweiten Stock die Kirchturmglocken läuten.
Bei Szenenwechsel wird im Dunkeln das Concerto minore für Violine und Orchester von Mendelssohn gespielt.



 
ERSTER AKT 

              Bild 1
 

Es ist Nacht und die Bühne ist in Dunkelheit getaucht. Die Pflanze ist nicht zugedeckt. Vanni liegt im Bett. Er brummt im Schlaf, ist unruhig und wacht mit einem Schrei auf. Er ringt nach Luft.

VANNI
Rosa ! Rosa! Meine Daphne! (Die Tür wird geöffnet, Rosa tritt zerzaust und in einen Morgenmantel gekleidet auf)
ROSA
Was ist los, Himmel noch mal?
VANNI
Die Pflanze ist verschwunden!
ROSA
Wie, verschwunden?
VANNI
Sie ist nicht mehr da!
ROSA
Da ist so doch.
VANNI
(Sich mühsam auf die Ellenbogen stützend) Ich sehe sie nicht.
ROSA
(Den Topf hochhebend) Siehst du sie jetzt?
VANNI
Stell sie runter! Ich hab dir tausend Mal gesagt, daß du sie nicht schütteln sollst.
ROSA
Du hast geträumt.
VANNI
Du sollst sie gut behandeln.
ROSA
Mein Herz rast. Deine verdammte Pflanze.
VANNI
Meine Daphne. Du weiß doch, du sollst sie gut behandeln.
ROSA
Ja, ich weiß.
VANNI
Wie gut sollst du sie behandeln? Antworte.
ROSA
Wie einen Barolo… (Stellt den Topf ab)
BEIDE
64-iger. (Vanni läßt sich ins Kopfkissen fallen)
VANNI
Großer Jahrgang. Ist die Erde feucht?
ROSA
Ich habe sie gestern abend gegossen.
VANNI
Das war ein Alptraum.
ROSA
Ich werde deine Pflanze aus dem Fenster werfen. Dann wird das endlich ein Ende haben mit diesen Träumen jede Nacht.
VANNI
Dann müßtest du zuerst mich aus dem Fenster werfen.
ROSA
Dich werde ich auch rauswerfen. (Geht)
VANNI
Du darfst sie Niemandem zeigen!
STIMME von ROSA
Das hast du mir schon tausend Mal gesagt.
VANNI
Es ist ein Geheimnis!
ROSA
Zweitausend Mal.
VANNI
Wie spät ist es?
STIMME von ROSA
Vier Uhr in der Früh.
VANNI
Um diese Zeit öffnen alle Ringelblumen ihr Blütenköpfchen.
STIMME von ROSA
Und alle Bäcker werfen ihre Öfen an. Und die Straßenfeger fegen die Straßen. Gute Nacht, Brüderchen.
VANNI
(Zu sich) Wer kann da noch schlafen? ( Entfernt mühsam die Bettdecke. Er beugt sich aus dem Bett, stützt sich mit unsicheren Händen am Boden auf, zieht die leblosen Beine nach sich, die krachend auf dem Fußboden landen. Auch die Hände geben nach. Vanni rollt auf dem Boden und stößt einen erstickten Schrei aus. Bleibt reglos und nach Luft ringend liegen)
Rosa! (Die Schwester kommt zurück)
ROSA
Giovanni! Was ist passiert? Was soll denn das jetzt? Vanni! Vannino! (Sie hebt ihn mit Mühen hoch und setzt ihn auf’s Bett.)
VANNI
Letzte Woche konnte ich es noch.
ROSA
Dummkopf. Du hast eine  Grippe hinter dir.
VANNI
Was für eine Grippe?
ROSA
Sie hat dich geschwächt.
VANNI
Unsinn. Eine Erkältung.
ROSA
Pragotto hat das gesagt.
VANNI
Ärzte verstehen nichts. Die haben noch nie etwas verstanden.
ROSA
Sei still. Ohne die Ärzte wärst du jetzt schon tot. (Geht)
VANNI
Was, hälst du mich etwa für lebendig? (Rosa kommt mit einem Rollstuhl zurück, stellt ihn neben das Bett und hilft Vanni sich hinein zu setzen.)
ROSA
Du bist so undankbar. All die Spritzen, die du bekommen hast. Denk nur, was man alles erfunden hat. Denk nur welch ein Fortschritt. All die Impfungen. Das Penizilin und das Sulfonamid. Und das Aspirin. Was wäre die Welt ohne Aspirin?
VANNI
Und Alka-Seltzer? Du hast das Alka-Seltzer vergessen.
ROSA
Esel! 
VANNI
Du verwechselst die Mediziner mit der Medizin.
ROSA
Ich verwechsle überhaupt nichts.
VANNI
Und dein Mann? Reden wir doch von deinem Mann. Mit siebenundvierzig Jahren.
ROSA
Krebs ist Krebs. Pragotto hat dich immer gut behandelt.
VANNI
Das sagst du nur, weil Pragotto Junggeselle ist,… und du bist Witwe.
ROSA
Einen Junggesellen habe ich bereits. Und der ist mehr als genug für mich.
VANNI
Du hast ein Auge auf ihn geworfen.
ROSA
Bitte tu mir einen Gefallen…
VANNI
Er ist zehn Jahre jünger als du!
ROSA
Acht.
VANNI
Er hat grobschlächtige Hände.
ROSA
Deine sind auch nicht gerade schön.
VANNI
Wie geht es deiner Tochter?
ROSA
Liliana geht es gut.
VANNI
Und ihrem Mann?
ROSA
Giorgio geht es auch gut. (Geht und lässt die Tür angelehnt)
VANNI
Und die Kinder?
STIMME von ROSA
Du erinnerst dich doch nichtmal an ihre Namen. Laß mich schlafen… ( Man hört, wie sich eine Tür schließt)
VANNI
Azara microphylla. Liriodendron tulipifera. ( Fährt den Rollstuhl an die Bibliothek) Parrotia persica. Salix babylonica. ( Ergreift mühsam ein kleines Buch, das ihm herunter fällt. Streckt die Hand nach dem Buch aus und gibt auf. Fährt mit dem Rollstuhl zu der Pflanze.) Daphne Giovannina von Borneo. (Dunkel. Musik)
 
 
 

 Bild 2

Der nächste Morgen. Vanni schläft im Rollstuhl in der gleichen Position, in der wir ihn verlassen haben. Das Licht ist noch an, die Pflanze ist nicht zugedeckt. Durch das geschlossene Fenster dringt ein Sonnenstrahl. Die Tür geht auf, Rosa tritt ein und schaltet das Licht aus.

ROSA
Vanni… ( Vanni wacht auf) Wach auf. (Sie hebt das Buch auf und stellt es unachtsam in die Bibliothek) Im Sitzen zu schlafen ist nicht gut für dich. Guten Morgen. Es gibt schlechte Nachrichten.
VANNI
Die gibt es seit der Erschaffung der Welt.
ROSA
Es hat eine Überschwemmung gegeben. Wien steht unter Wasser.
VANNI 
Wien?
ROSA
Die Donau ist über die Ufer getreten. Hat das Fernsehn gesagt.
VANNI
Die schöne blaue Donau?
ROSA
Mach keine Witze. Es ist alles überschwemmt.
VANNI
Auch der Botanische Garten?
ROSA
Das Wasser reicht bis in die ersten Stockwerke.
Schäden in Milliardenhöhe.
VANNI
Das kann nicht sein.
ROSA
Du kannst es glauben. Sie fahren in Booten.
VANNI
Verbrecher! Weißt du, was eine Fockea Crispa ist?
ROSA
Du weißt, daß ich das nicht weiß.
VANNI
Hör gut zu Frau ohne Hirn. Das ist eine Pflanze, deren Lymhsystem derart resistent ist, daß sie dich, mich und Pragotto zusammengenommen in ihrer Lebensdauer übertrifft, deine Tochter und diesen Idioten von deinem Schwiegersohn einbezogen. In Wien gab es das älteste in einem Topf gezüchtete Exemplar. Weißt du wie alt das war?
ROSA
Was weiß ich denn. Zehn Jahre. Zwanzig?
VANNI
Zweihundert! Der Botanische Garten in Wien ist so alt wie Shakespeare und Caravaggio und älter als Mozart, als Garibaldi, als Benjamin Franklin und deine Bernadette! Unvergleichliche Kakteen, Palmen, Orchideen, einzigartige fleischfressende Pflanzen! Dort gibt es die Lodoicea Maldivica, das schönste Exemplar der Welt, weißt du was das ist, nein, du weißt es nicht, das ist die Kokosnuß von den Seychellen. Eineinhalb Kilo schwer!
ROSA
Ich dachte mehr. 
VANNI
Und jetzt ist da nichts mehr! Diese Mörder haben alles zerstört!
ROSA
Was haben denn Mörder damit zu tun? Es regnet seit einem Monat.
VANNI
Mit dir kann man nicht diskutieren. Tausende unschuldige Zeugen für die Qualen der Schöpfung begraben unter dem stinckenden Schlamm eines Flusses ,der von Industrieabfällen und mitteleuropäischer Nostalgie für ihren beschissenen Walzertakt  verunreinigt wurde. Wir werden es nie erfahren.
ROSA
Was werden wir nie erfahren?
VANNI
Wie die Teilung in Dikotyledone und Monokotyledone vonstatten gegangen ist. Wenn es sich überhaupt um eine Teilung gehandelt hat. In jedem Fall ist etwas passiert -eines Tages.
ROSA
Heute Nacht ist auch etwas passiert. Überschwemmungen in ganz Europa. Oesterreich, Deutschland, Frankreich. Auch Prag ist in Gefahr.
VANNI
In Prag gibt es keinen botanischen Garten.
ROSA
In Dresden haben sie die Krankenhäuser evakuiert. Ein Kranker ist, während man ihn in den Hubschrauber hieven wollte, abgestürzt und ertrunken.
VANNI
Er hat die Abkürzung genommen.
ROSA
Du hast wirklich kein Herz. Und dein Gehirn ist auch leicht angegriffen.
VANNI
Es besteht die Möglichkeit von neunundneunzig Prozent, daß er ein Idiot gewesen ist. Und 80 von 100, daß er seine Frau geschlagen hat. Und fünfzig, daß er zwei Pakete Zigaretten am Tag geraucht hat. Und sechzig, daß er ins Treppenhaus gespuckt hat.  Es hat viele Millionen von Jahren gedauert, bis die menschliche Rasse ein so erlesenes Exemplar zustande gebracht hat. Meinst du er wird uns fehlen?
ROSA
Vielleicht hatte er kleine Kinder und eine Frau, die jetzt um ihn weinen. Es sind nicht alle so gefühllos wie du. Tausende von rechtschaffenden Menschen sind ohne Dach über dem Kopf.
VANNI 
Diese rechtschaffenden Menschen haben der Erde den Hals umgedreht. Jahrhunderte lang haben sie sich bekreutzigt, nur um den Arm in Bewegung zu halten, dann sollen sie jetzt  gefälligst auch im Boot zu ihren Kathedralen fahren.
ROSA
Möchtest du einen Tee?
VANNI
Nein.
ROSA
Ist das ein definitives Nein?
VANNI
Ist Toastbrot da?
ROSA
Natürlich.
VANNI
Dann ist es nicht definitiv. Hier lag ein Büchlein auf dem Boden.
ROSA
Ich habe es weggelegt.
VANNI
Gib es mir.
ROSA
Ich weiß nicht mehr, wo ich es hingetan habe.
VANNI
Was soll das bedeuten, du weißt es nicht mehr?
ROSA
Ich habe es irgendwo hingestellt. Ich werd es schon finden.
VANNI
Was heißt, ich werd es schon finden. Ich will es jetzt haben.
ROSA
Jetzt frühstückst du. Möchtest du Marmelade?
VANNI
Nicht ablenken. Es ist ein sehr altes Buch. Ich muß einen Absatz nachlesen. Da ist etwas, an das ich mich nicht genau erinnern kann. Wenn man bedenkt, daß ich es auswendig kannte! Das kommt von der Lähmung, die setzt jetzt auch hier ein. (Schlägt sich an die Stirn)
ROSA
Blaubeeren oder Pflaumen?
VANNI
Blaubeeren. Vaccinium myrtillus.
ROSA
Amen. Bind die Serviette um. (Knotet sie ihm fest)
VANNI
Erinnerst du dich, als wir klein waren, und unsere Mutter für uns den Tee kochte?
ROSA
Der schrecklichste Momemt des Tages. Weil du ihn mochtest, musste ich ihn natürlich auch mögen. Komm hoch. (Hilft ihm, sich etwas gerader hinzusetzen) Ich hatte eine Teeallergie und kriegte Ausschlag.
VANNI
Weil du Medizinerin werden wolltest.
ROSA
Was hat das damit zu tun?
VANNI
Das hat viel damit zu tun. Die Berufung zum Mediziner erzeugt Allergien. Glücklicherweise hast du das Studium abgebrochen.
ROSA
Wohl oder übel, ich war schwanger.
VANNI
Mit einem hübschen ungewollten Vierkilomädchen. Du hättest besser…
ROSA
Still. Bestimmte Dinge tue ich einfach nicht.
VANNI
Aber die Kätzchen hast du ertränkt.
ROSA
Unser Vater wollte sie nicht. Und ausserdem war ich noch klein, ich verstand es nicht.
VANNI
Wo steht geschrieben, daß das Leben einer Katze weniger wert ist, als das eines Menschen?
ROSA
Jesus hat zu den Menschen gesprochen nicht zu den Katzen.
VANNI
Hätte er zu den Katzen gesprochen, wäre er nicht am Kreuz gelandet.
ROSA
Keine Gotteslästerung.
VANNI
Gramigna acquatica, Glyceria fluitans; Gramigna bianca, Trisetum flavescens; Gramigna canina, Agropyum repens…
ROSA
Ich wüsste nicht, was ich heute ohne Liliana tun würde. Ich darf gar nicht dran denken.
VANNI
Sie wohnt doch in Deutschland, und ihr seht euch nie.
ROSA
Aber es gibt sie. Ich bete jeden Abend für sie und meine Enkel.
VANNI
Für deinen Schwiegersohn nicht?
ROSA
Natürlich für ihn auch.
VANNI
Aber ein bisschen weniger.
ROSA
Das ist nicht wahr.
VANNI
Es ist nicht dein Blut. Du betest lieber für seinen Eisladen. Gott, mach daß die Sommer immer wärmer werden, und die Deutschen vor seinem Laden Schlange stehen, und er einen Haufen Geld verdient.
ROSA
Ich bete auch für dich. Möge der Herr ein wenig gesunden Menschenverstand in deinen harten Schädel blasen.
VANNI
Der gesunde Menschenverstand kommt vom Teufel als Kompromiss.
ROSA
Du weißt nicht, was du redest.
VANNI
Such mir das Buch, bitte. Heute kommt Sibilla.
ROSA
Immer noch diese Sibilla. War die nicht in Amerika?
VANNI
Sie ist gestern zurück gekommen. Sie hat ein paar Fragen an mich, braucht meinen Rat. Sie schreibt an einem Lehrbuch.
ROSA
Ein Lehrbuch worüber?
VANNI
Wie, worüber? Über Botanik.
ROSA
Die nutzt dich aus.
VANNI
Sag nicht die. Sibilla ist ein Mädchen…, such mir jetzt dieses Buch.
ROSA
Es wird sich anfinden, wenn man es am wenigsten erwartet.
VANNI
Es ist duldet keinen Aufschub.
ROSA
Denk lieber daran, gesund zu werden. Die benutzt deinen Namen, um ihr Lehrbuch zu veröffentlichen.
VANNI
Ein wissenschaftlicher Atlas für den Schulunterricht. Das ist eine gute Idee. Man muß bei den Kindern anfangen.
ROSA
Du hast solche Lehrbücher nicht gebraucht.
VANNI
Weil ich ein glücklicher Mensch bin, mir wurde der Glaube geschenkt.
ROSA
Dir?
VANNI
Der Glaube an die Botanik. Der sich nicht so sehr von dem an Gott unterscheidet. Er verlangt nur eine grössere Gießkanne.
ROSA
Ich bring dir den Tee. (Geht ab)
VANNI
(Schreit der Schwester hinterher) Das Veilchen gab es schon, bevor der Menschenaffe auf der Erde erschien.
Die Rose gab es schon bevor die Lateiner sie deklinierten. (Zu sich) Phototropismus… vom Licht hervorgerufene Bewegung… durch Anziehung, positiver Phototropismus…  durch Repulsion, negativer Phototropismus…natürlich. Wenn man eine einzige Lichtquelle in einem dunklen Raum installiert… wächst die Vegetation in Richtung des Lichts. Der berühmte Sonnenstrahl… der Optimisten… Oder die weitverbreitete Täuschung… der Poeten. (Rosa kommt mit einem voll beladenen Tablett zurück)
ROSA
Hier deine heißgeliebte Brühe. Das Toastbrot ist angebrannt.
VANNI
Besser so. (Trällert) Das schlimme Feuer des Scheiterhaufens… (Ergreift die Teekanne mit beiden Händen, aber es gelingt ihm nicht, sie hochzuheben.)
ROSA
Und hier deine Mirtillum vaccinorum Marmelade. Guten Appetit.
VANNI
Warte.
ROSA
Was ist?
VANNI
Hilf mir. (Bewegt die Hände und Finger, versucht sie auszustrecken) Ich habe noch nicht… heute morgen… eigentlich schon gestern…
ROSA
Was hast du?
VANNI
Eine Art Betäubung.
ROSA
Dir ist der Arm eingeschlafen. (Schenkt ihm den Tee ein)
VANNI
Alle beide.
ROSA
Du darfst dich nicht überanstrengen. (Setzt sich und macht ihm ein Brot)
VANNI
Du redest wie dieser Idiot von Pragotto. (Trinkt, die Tasse mit beiden Händen haltend)
ROSA
Der arme Pragotto. Ihm werden die Ohren klingen. Er ist so zuvorkommend, so gewissenhaft.
VANNI
Die Ärzte haben sich seit Molières Zeiten nicht verändert. Wenn es weich ist, kann es nicht hart sein, und wenn es flüssig ist, kann es nicht fest sein.
ROSA
Wann kommt diese Sibilla?
VANNI
Diese Sibilla kommt heute, und du tu mir bitte den Gefallen und behandle sie gut, und komm nicht alle fünf Minuten hier herein. Wir werden die üblichen Schweinereien, die Männer und Frauen treiben, wenn sie allein in einem Zimmer sind, unterlassen, und keine Angst , ich beabsichtige nicht, sie zu heiraten, und werde ihr meinen Teil der Wohnung nicht vererben. Diese Wohnung wird eines Tages ganz  deinen Enkeln gehören, und wenn die mal erwachsen sind, und dich auf den Friedhof gebracht haben, werden sie mit ihren wunderbaren kleinen Familien mit ihren Computern und Neylonjacken hier einziehen. Ich kann es nicht leiden, bei der Arbeit unterbrochen zu werden. Und achte darauf, daß die Geige dort bleibt, wo sie ist. Ich werde das ins Testament schreiben.
ROSA
Geigen müssen gespielt werden, da oben geht sie kaputt.
VANNI
Wer hat gesagt, daß Geigen dazu da sind, gespielt zu werden?
ROSA
Du bist total verrückt.
VANNI
Geigen hassen Musik, das ständige Gedröhne in ihrem Bauch. Wenn eine Geige einen Geiger sieht, ruft sie den lieben Gott um Hilfe.
ROSA
Wann in deinem Leben wirst du dich entschließen, normale Gespräche zu führen? Ein Mal ein einziges Mal nur.
VANNI
Geigen lieben die Stille. Das Rauschen des Laubwerks aus der Zeit, in der sie noch grünes weiches Holz waren. Die Geige hat die Seele einer Pflanze.
ROSA
Dann hat dieses Bett also auch eine pflanzliche Seele. Und der Stuhl hatte Blätter, und die Vögel bauten ihre Nester darin! Und das Bücherregal hatte eine und die Deckenbalken und mein Holzrührlöffel in der Küche hatte viele kleine Äste! Und all diese planzlichen Seelen müssen sich deinen Schwachsinn anhören!
VANNI
Oh welch gewählter Ausdruck!
ROSA
Erinnerst du dich, was unser Vater immer gesagt hat? Einfaltspinsel reden Schwachsinn! Er hatte schon gewußt, was er da für einen Sohn großzog. Aber was kann man schon von einem, der gerne Tee trinkt, erwarten?
VANNI
Das ist eine meiner Grenzen, ich weiß.
ROSA
Bist du fertig?
VANNI
Eins habe ich noch nicht verstanden. Bin ich es, der dich erträgt, oder bist du es, die mich erträgt?
ROSA
Ich bin jünger. Also bist du es, der mich erträgt. (Geht und bringt das Tablett weg)
VANNI
Das dachte ich mir, aber ich wollte sicher gehen. (Rollt den Rollstuhl in die Nähe der Pflanze) Hättest du doch nur eine Seele… kleine Daphne Giovannina von Borneo…
(Dunkel. Musik)
 
 
 
 
 
 
 

 Bild 3
 

Am Nachmittag des gleichen Tages. Vanni sitzt im Rollstuhl neben dem geschlossenen Fenster. Die Pflanze ist nicht zugedeckt. Rosa sitzt am Tisch und ordnet Vanni’s Papiere.
 

ROSA
Ich habe noch nie einen so unordentlichen Menschen gesehen.
VANNI
Das mußt gerade du sagen. Das Büchlein ist  immer noch verschwunden.
ROSA
Diese Rechnung ist von vor zwei Jahren.
VANNI
Vor zwei Jahren konnte ich noch laufen und den Briefkasten allein aufmachen.
ROSA
Die hätte man von der Steuer absetzen können. Hier ist noch eine. Alles weg geworfenes Geld.
VANNI
Das Öffnen des Briefkastens gehörte zu den Dingen, die ich am liebsten gemacht habe. 
ROSA
Unser Vater hat uns gelehrt, das Geld zu respektieren.
VANNI
Ja, und darum ist er unglücklich gestorben.
ROSA
Sei still.
VANNI
Ich hingegen werde lachen.
ROSA
Spiel nicht den Gernegroß.
VANNI
Ich lache jetzt schon. Und du mußt mir versprechen, nicht zu weinen, keinen Priester zu rufen, und zieh mir nicht den guten Anzug an, den ich ja ausserdem gar nicht habe. Mir tun die kleinen aufgeputzten Kadaver leid , in ihrem gebügeltem Anzug mit perfekt gebundener Kravatte stossen sie jedes Mal, wenn der Wagen in ein Loch gerät, mit der Nasenspitze an den Sargdeckel. Laß mich in Unterhosen verbrennen, ich werde das ins Testament aufnehmen.
ROSA
Können wir von was Anderem reden?
VANNI
Wenn du willst, können wir über deine Beerdigung reden. Du wirst ein Kleid mit den sieben Zwergen tragen, und alle deine Freundinnen werden da sein. Deine Tochter wird sich die Tränen mit Papiertaschentüchern trocknen und nicht wissen, wohin sie die werfen soll, deine Enkel werden sie am Rockzipfel ziehen und sagen, ich muß Pipi, während dein Schwiegersohn… nein, dein Schwiegersohn wird in Deutschland bleiben, weil man den Eisladen nicht schließen kann.
ROSA
Warst du eigentlich niemals optimistisch? Wenigstes einmal?
VANNI
Ja. Als ich diese Pflanze in Borneo gefunden habe. Sie wuchs mitten in einem Teppich aus Farn und Hahnenfuß. Sie hätte eine Calycina sein können, aber das war sie nicht, ihre Blätter waren zu dick, zu fleischig, zu gezackt. Sie hätte auch eine Centaurea oder eine banale Scilla sein können, aber weder die Scille noch die Centauree sind pelzig.
Und diese kleine blaue Blume mit dem violetten Blütenstempel, die sich aus dem Farn herausstreckte, hatte ich nie zuvor gesehen und in keinem Katalog Bilder oder Beschreibungen von ihr gefunden.
ROSA
Es muß schön sein eine solche Entdeckung zu machen.
VANNI
Es ist ergreifend, du spürst die Wärme der urweltlichen Plazenta. Vielleicht wie die Astronomen, wenn sie einen neuen Stern entdecken. Aber ein solcher Stern könnte seit tausenden von Jahren tot sein, während die Kreatur, die du da in den Händen hälst, zweifellos lebt.
ROSA
Wenn das die Großeltern gewusst hätten…
VANNI
Wenn sie was gewusst hätten…
ROSA
Du bist berühmt, du bist eine wandelnde Enzyklopedie, du hast vielen unbekannten Pflanzen einen Namen gegeben… wenn du dich endlich entschließt, auch diese publik zu machen, wird man dir den Nobelpreis verleihen.
VANNI
Mag sein, inzwischen vergeben sie den ja an Hinz und Kunz. Hast du zufällig jemandem davon erzählt?
ROSA
Selbst wenn, man würde denken, es handle sich um eine Pflanze, die man für einen Apfel und ein Ei haben kann. Sie hat einen so unexotischen Namen.
VANNI
Ich habe ihr meinen Namen gegeben.
ROSA
Giovanni ist schön. Aber Giovannina ist ein Name für Putzfrauen.
VANNI
Daphne Giovannina. Aus Borneo.
ROSA
Warum Daphne?
VANNI
Wie die Nymphe , die Apollo betört.
ROSA
Und der Apollo wärest du?
VANNI
Als ich jung war, war ich doch gar nicht so schlecht. Du warst stolz auf mich.
ROSA
Ich bin noch immer stolz auf dich. Mein Bruder ist ein Entdecker.
VANNI
Hast du das der Milchfrau auch erzählt?
ROSA
Auch dem Gemüsehändler. Er hat mich einmal gefragt. Was entdeckt ihr Brufer denn so? Und ich: Pflanzen. Das ist alles? Ich habe jede Menge Pflanzen, gucken Sie hier! Und er hat mir alle seine Salate gezeigt.
VANNI
Als ich begriff, daß es eine unbekannte Pflanze war, habe ich angefangen zu schreien. Da wurde es still im Dschungel. Die Tiere hatten verstanden. Aber auf meine Freude folgte die Strafe, denn diese Entdeckung fiel mit meiner Erkrankung zusammen. Auf der Rückfahrt machten sich die ersten Symtome bemerkbar.
ROSA
Das hast du mir nie erzählt.
VANNI
Auf dem Schiff. Ich wollte an Deck gehen, da verspürte ich eine Art Krampf in der Mitte des Rückens, dann einen Stich, und mein rechtes Bein war wie betäubt. Ich bin auf der Treppe stehen geblieben, und eine Touristin aus Mailand hinter mir hat gesagt „und, geht’s bald weiter?“ … ich habe geantwortet „bitte“, und bin zur Seite gegangen. Das war der Anfang.
Weißt du, du solltest auch irgend einem Ding, das du entdeckt hast, einen Namen geben.
ROSA
Ich?
VANNI
Du, du.
ROSA
Was redest du denn da?
VANNI
Deine Radieschenbuletten. Sie sind eine der grössten Entdeckungen des Jahrhunderts. Du solltest sie Paradießchen nennen und ein Patent anmelden. (Mit der Stimme eines Ansagers) „Paradiesschen das Paradies auf Erden!“ (Rosa lacht) Du würdest schnell reich werden, und es diesem Arsch von deinem Schwiegersohn mit seinem Eisladen zeigen.
ROSA
Sssstt! Es mag ja sein, daß Giorgio kein grosses Licht ist, aber sein Eis ist super. Und er liebt seine Kinder sehr.
VANNI
Und deine Tochter?
ROSA
Liliana hat einen stachligen Charakter. Eine gute Ehefrau muß sich an den Charakter ihres Mannes anpassen.
VANNI
Auch wenn der Mann ein Schwachkopf ist?
ROSA
Du benutzt Worte, die ich niemals benutzen würde, wenn es sich um nähere Verwandte handelt.
VANNI
Dann lass sie mich benutzen und zieh kein Gesicht. Du hast dein Leben vergeudet.
ROSA
Die friedlichen Momente mit dir sind nie von langer Dauer. (Will gehen)
VANNI
Setz dich hin! Wenn das Gehirnkardiogramm eines Kranken niedrig ausfällt, sagt man, daß der sich in einem vegetativen oder vegetalen Zustand befindet. Ist das so oder nicht?
ROSA
( mit weinerlicher Stimme) Aber du bist nicht in einem terminalen Zustand! Du kannst wieder gesund werden, das braucht nunmal Zeit, du kannst fast wieder so wie früher werden!
VANNI
Das ist der Scheiß, den dir Pragotto erzählt, um dich bei Laune zu halten, ganz abgesehen davon, daß das hier alles für sich selbst spricht. Wer von vegetalem Zustand spricht, kennt die Pflanzen nicht, ihren Lebenselan, ihre reine Energie, ihren ununterbrochenen Dialog mit der Sonne und den Elementen. Alles andere als vegetativer Zustand, ein Mensch mit einem niedrigen Elektrokardiogrammwert ist ganz einfach ein auf sich selbst zurückgeworfener Mensch. Und genau das ist es, was ich nicht sein will.
ROSA
Du bringst mich noch mehr durcheinander.
VANNI
Ich spüre, wie es in den Händen und den Armen auf der Lauer liegt. In fünfzehn höchstens zwanzig Tagen werde ich gerade noch den Mund öffnen können. Bist du bereit mit Trinkröhrchen, mit dem Tropf und Wattetupfern für den Speichel? Du wirst hier jede Menge Lavendelduft verprühen müssen, Kranke stinken.
ROSA
Ich fühle es. Du wirst wieder gesund und basta.
VANNI
Du befolgst die christlichen Regeln, glaubst an Wunder. Du hast immer die Regeln befolgt, egal welche. Darum kann ich dich nur um eine Tasse Tee bitten. Nur um nicht in Versuchung zu geraten, wärest du fähig, sie aus dem Topf zu reissen.
ROSA
Wen? Was sagst du da?
VANNI
Willst du mich heiraten Rosa? (Rosa lacht mit Tränen in den Augen)
ROSA
Als ich Zwölf war, wollte ich dich heiraten.
VANNI
Wir wären ein hübsches Inzestpärchen gewesen. Ich hätte dich mitgenommen auf meine Reisen, und in naher Zukunft würdest du eine gute Rente für mich  kriegen. Aber du bist nur meine Schwester, und Schwestern kriegen nichts.
ROSA
Ich habe dir tausend Mal gesagt, daß ich nicht über solche Dinge sprechen will. Ich werde wieder arbeiten gehen. Es gibt keine Schneiderinnen mehr, die kleine Sachen erledigen. Wer macht dir heute noch eine Hose kürzer? Wer weitet dir ein Kleid? Sie werden Schlange stehen, und ich werde viel Geld verdienen.
VANNI
Steck es nicht in die Sparbüchse. Mach eine Reise, such dir einen thailändischen Geliebten, spiel Roulette, amüsier dich ein bisschen. Du bist noch zu jung, um dich mit Sardinen voll zu stopfen. Weißt du noch die spanischen Sardinen?
ROSA
Mein Gott, waren die gut. Paniert und frittiert!
VANNI
Fingerwarm! Die Gräten kamen ganz von allein heraus! Wieviele haben wir damals gegessen?
ROSA
Vier Portionen.
VANNI
Du drei, ich eine. (Rosa lacht) Mit dem leichten Weißwein.
ROSA
Das nennst du leicht? Wir waren schon nach einem Glas betrunken.
VANNI
Und die Fettfinger. Du sagtest: fass dein Hemd nicht an, fass dir nicht an die Hosen.
ROSA
Die katalunischen Sardinen!
VANNI
Das war der letzte Urlaub, den wir zusammen gemacht haben.
ROSA
Es war auch der erste.
VANNI
Es war auch der erste. Sei vorsichtig, dein Schwiegersohn bringt es fertig, verkauft die Wohnung und steckt dich in ein Altersheim mit der Begründung, daß es da einen Garten gibt. Ein deutsches Altersheim. Vielleicht gefällt es dir ja sogar.
ROSA
Hör auf!
VANNI
Oder geh ins Kloster. Weißt du, wer das sagt?
ROSA
Der Priester?
VANNI
Hamlet.
ROSA
Hamlet!
VANNI
Weißt du, wer das ist?
ROSA
Natürlich weiß ich das. Der von Sein oder Nichtsein.
VANNI
Bravo!
ROSA
Es war in einer Werbung. Und wen oder was will er ins Kloster schicken?
VANNI
Ophelia, seine Verlobte.
ROSA
Und warum?
VANNI
Weil sie keine Rente kriegt, das macht ihm Sorgen, er will, daß sie ein Dach über dem Kopf hat. Da ist sie! ( Rückt vom Fenster weg. Plötzlich aufgeregt) Geh aufmachen. (Rosa geht ans Fenster) Mach schon!
ROSA
Sie ist mager. Sie hat mir nie gefallen.
VANNI
Sie ist nicht wirklich mager.
ROSA
Woher weißt du, daß sie nicht wirklich mager ist?
VANNI
Geh aufmachen!
ROSA
Laß sie wenigstes über die Straße laufen.
VANNI
Sie läuft schnell. Geh!
ROSA
Du bist zu ungeduldig. Das gefällt Frauen nicht. Warte bis sie klingelt.
VANNI
Still! Bring mich in Ordnung. (Vanni fährt den Rollstuhl bis zum Tisch, Rosa bringt seinen Kragen in Ordnung) Seh ich gut aus?
ROSA
Verliebte Männer sind wirklich lächerlich.
VANNI
Was Liebe?…, red keinen Unsinn, mir bleibt wenig Zeit, also habe ich es eilig, sehr eilig! Warum klingelt es nicht? (Es klingelt) Mach auf!
ROSA
Was hätte ich für einen Mann, der mich so liebt, gegeben.
VANNI
Beeil dich!
ROSA
Aber ich hatte eine Kartoffelnase. Ein Mädchen mit einer Kartoffelnase liebt man nicht so leicht. (geht)
VANNI
Warte! Deck sie zu.
ROSA
Ah, stimmt. (Nimmt das Leinenhütchen und zieht es über die Pflanze) Sogar sie darf sie nicht sehen?
VANNI
Es ist eine Überraschung. Geh!
ROSA
(Geht, bleibt stehen) Frag sie nicht, ob sie einen Tee möchte. Zwing mich nicht, auch für sie einen Tee zu kochen. (Geht, bleibt erneut stehen) Warum sagst du,  ich hätte mein Leben vergeudet?
VANNI
Findest du, es ist jetzt der richtige Moment so eine Frage zu stellen? Beeil dich! Und komm nicht rein, es sei denn, ich rufe dich.
(Rosa geht, hält erneut inne)
ROSA
Ausserdem haben wir keinen Tee.
VANNI
Du hast mir doch gerade einen gekocht!
ROSA
Das war der letzte Rest. Es gibt nur noch Teebeutel.
VANNI
Ich hasse Teebeutel! Ich hab doch ein Kilo aus Bankok mitgebracht.
ROSA
Vor drei Jahren. Er ist alle. (Geht)
VANNI
Schon drei Jahre? (Man hört Rosa’s Stimme an der Sprechanlage)
STIMME von ROSA
Ja?
VANNI
(Starrt auf die Pflanze) Sag Daphne: hälst du das für möglich – in meinem Alter?
(Dunkel. Musik)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 Bild 4
 

Gegen Abend. Das Fenster ist geschlossen. Die Pflanze ist zugedeckt. Sibilla steht auf einer kleinen Leiter. Hält einige Bücher in der Hand nach einem bestimmten suchend. Vanni dirigiert die Suche vom Rollstuhl aus.
 

SIBILLA
Ist es das?
VANNI
Nein, es hat einen braunen Einband.
SIBILLA
Hier sind viele mit einem braunen Einband.
VANNI
Aber der hat etwas Besonderes. Wenn man ihn von der Seite anguckt, sieht man kleine Karos . 
SIBILLA
Von der Seite?
VANNI
Schräg. Wie würden Sie sagen?
SIBILLA
Quer ?
VANNI
Nein, quer würde bedeuten…
SIBILLA
( Ein grosses Buch ankippend ) Hier ist es!
VANNI
Der Buchrücken.
SIBILLA
Hier sind die Karos. Ich hab es gefunden.
VANNI
Bravo.
SIBILLA
Pflanzen im indochinesischen Unterholz.
VANNI
Das ist es. Aber jetzt kommen Sie da runter. Es ist gefährlich.
SIBILLA
In Boston gab es eine sechs Meter hohe Leiter.
VANNI
Sechs Meter? Aus der Höhe kann eine Bibel tötlich sein. (Sibilla steigt schnell herunter) Nicht so schnell! Die Leiter ist nicht ganz… (Sibilla blättert im Buch)
SIBILLA
Es isr wunderschön.
VANNI
Ich leihe es Ihnen. Sie können es mit nach Hause nehmen. Es enthält sämtliche Klassifizierungen, sehr nützlich für Ihren Atlas.
SIBILLA
Danke.
VANNI
Sie sind die Einzige, die guten Gebrauch davon machen kann. Aber Sie bringen es mir zurück.
SIBILLA
Natürlich.
VANNI
Schwören Sie.
SIBILLA
Trauen Sie mir nicht?
VANNI
Ich will sicher sein, daß Sie mich wieder besuchen. (Beobachtet sie) Sie sind ein bisschen…(Zögert)
SIBILLA
Dicker geworden? Sagen Sie es.
VANNI
Nein, nein… Sie  sehen  wunderbar aus. Tasten Sie diesen Frühling nicht an.
SIBILLA
Dieser Frühling muß mindestens zwei Kilo abnehmen.
VANNI
Wenn Sie das Buch ablegen, haben Sie die bereits abgenommen. (Sie lachen. Sibilla legt das Buch auf den Tisch) Im Handel gibt es das nicht mehr. Es war in weniger als zwei Jahren vergriffen. Dreihundertfünfzig Kopien, das ist ein Rekord für die Botanik.
SIBILLA
Sie haben hier eine Goldmine.
VANNI
Hegen Sie keine Skrupel, bedienen Sie sich. Nebenan sind noch mal soviele und im Keller stehen noch zwei Kisten.
SIBILLA
Haben Sie die alle gelesen?
VANNI
Außer denen, die ich selbst geschrieben habe. Das Wichtigste hat meine Schwester verlegt. Es ist hier, aber sie kann es nicht wiederfinden.
SIBILLA
Es wird dann wieder auftauchen, wenn man es am wenigsten erwartet.
VANNI
Das hab ich schon mal gehört.
SIBILLA
Ich könnte das nie.
VANNI
Was könnten Sie nie?
SIBILLA
Soviele Bücher lesen.
VANNI
Besser so. Wissen Sie, was es mir gebracht hat, sie alle zu  lesen? Mehr Angst vor dem Tod zu haben.
SIBILLA
Der hat Sie schon immer gewurmt.
VANNI
Nicht nur gewurmt. Verfolgt, wie ein riesiges Heuschreckenregiment. (Sie lachen wieder, dann Stille) Es gab eine Zeit in der wir du zueinander sagten.
SIBILLA
Und danach haben wir uns wieder gesietzt.
VANNI
Was für ein Durcheinander die Botanik: Stets hat man das Gefühl etwas Wertvolles zu zertreten.
SIBILLA
Ja. Etwas Einzigartiges, das nie wieder mehr wachsen wird.
VANNI
Wird es ein illustrierter Atlas?
SIBILLA
Ich dachte ja. Kinder lieben Abbildungen. An Hand von Abbildungen kann man Vieles besser erklären.
VANNI
Fotos oder Zeichnungen?
SIBILLA
Es gibt kein Foto, das die Präzision einer Zeichnung übertreffen könnte.
VANNI
Das ist vollkommen richtig.
SIBILLA
Das wundert mich nicht. Sie haben mir das beigebracht.
VANNI
Ah, ja?
SIBILLA
Sie haben eine Vorlesung zu diesem Thema gehalten. Ich bin zu Ihnen gegangen und habe Ihnen Komplimente gemacht. Und Sie haben mir in die Augen geschaut, ich bin errötet, und Sie nannten mich clematis flammula.
VANNI
Ich liebe schamhafte Pflanzen, die von innen glühn.
SIBILLA
Sie sind ein Dichter des Dolce stil nuovo.
VANNI
Nein, ich bin nichts weiter als ein banaler Texter. Liebe, Herz, Schmerz. (Sibilla öffnet das Fenster und lehnt sich hinaus) Als Kind habe ich mit einem Blasrohr aus dem Fenster geschossen. Die da unten haben mit meinen Pfeilen in den Haaren nach oben geguckt und „Idiot!“ geschrien. Ich hab mich da versteckt und gedacht, wenn ich groß bin verfüttere ich euch an fleischfressende Pflanzen. Mein Interesse für die Botanik verdanke ich den fleichfressenden Pflanzen. Ich habe wirklich geglaubt, sie würden  Menschen fressen. Habe mir schreckliche Kämpfe zwischen einer fleischfressenden Pflanze und Herkules vorgestellt. Die Pflanze hat gewonnen.
SIBILLA
Die Tage werden kürzer.
VANNI
Weil sie weniger zu sagen haben.
SIBILLA
Ich habe in Boston einen Jungen kennengelernt.
VANNI
In Boston gibt es keine Jungen, da gibt es nur Emporkömmlige. Der Ärmste von ihnen wird zwei Banken erben.
SIBILLA
Er hat keinen Pfennig.
VANNI
Dann ist er nicht aus Boston.
SIBILLA
Stimmt, er ist aus Seattle. Aus der entgegengesetzten Richtung. Er ist Mathematikassistent.
VANNI
Man geht nicht nach Amerika, um einen Hungerleider zu heiraten. Lieben Sie ihn?
SIBILLA
Ich weiß es nicht.
VANNI
In der Liebe heißt, ich weiß nicht, nein. Verlassen Sie ihn, und geben Sie ihm die Geschenke zurück.
SIBILLA
Er hat mir keine Geschenke gemacht.
VANNI
(Schreit) Zu meiner Zeit hätten wir unsere Hose verkauft, nur um unsere Verlobten ein Geschenk zu machen. Nichts mit College! Wir haben in Mietwohnungen ohne Heizung geschlafen und trugen diese schrecklichen Hemden, die man nicht bügeln mußte, die Bessergestellten hatten zwei, ich hatte eins.
SIBILLA
Schreien Sie nicht!
VANNI
(Schreit lauter) Und du tust mir den verdammten Gefallen und schickst ihn zum Teufel. Ich habe dich nicht in Botanik unterwiesen, um dich in den Armen eines amerikanischen bebrillten Lulatschs zu sehen, der Bush wählt und Abziehbildchen von heldenhaften Feuerwehrmännern sammelt! 
STIMME von ROSA
Vanni…
VANNI
Es ist alles in Ordnung, bleib wo du bist! (Sibilla nimmt das Buch und will gehen) Gib mir das Buch zurück! (Sibilla schmeißt ihm das Buch auf die Knie. Will gehen) Du gehst nicht wieder nach Boston!
SIBILLA
Sie, bitte. (Stille)
VANNI
Gehen Sie nicht, ich bitte Sie. Heute ist ein schlechter Tag für Steinböcke, im Fahrstuhl stecken zu bleiben, ist das Wenigste…
SIBILLA
Ich bin kein Steinbock. Ich bin Krebs.
VANNI
Das ist unverzeihlich.
SIBILLA
Ich hab es Ihnen auch einmal gesagt.
VANNI
Sie haben es mir gesagt?
SIBILLA
In Sumatra.
VANNI
Ah… ja, jetzt erinnere ich mich.
SIBILLA
Ich hatte Geburtstag, und Sie haben mir einen Ring geschenkt.
VANNI
Mit Perlen!
SIBILLA
Blauen Perlen.
VANNI
Ich erinnere mich sehr gut, Sie waren so beschäftigt mit einem Koffer.
SIBILLA
Ich hatte diese Gardinen aus Naturleinen gekauft und konnte den Koffer nicht zukriegen.
VANNI
Ich erinnere mich sehr gut.
SIBILLA
Ich hab sie immer noch. Hab sie bis nach Boston mitgenommen.
VANNI
Wie haben wir es denn eigentlich gemacht?
SIBILLA
Was gemacht?
VANNI
Den Koffer schließen.
SIBILLA
Ich habe die Gardinen in eine Tragetasche gesteckt.
VANNI
Ah ja, richtig. (Reicht ihr das Buch. Sibilla nimmt es)
SIBILLA
Das waren sechs sehr schöne Monate.
VANNI
Nur sechs Monate?
SIBILLA
Die schönsten meines Lebens. Sie haben an einem Buch geschrieben.
VANNI
Mit Ihrer Hilfe. Ungelogen, ohne Sie hätte ich das nicht gekonnt. Ich habe Ihnen auch im Vorwort gedankt.
SIBILLA
Es war meine erste Reise in ein so fernes Land.
VANNI
Keime suchen. Denken Sie nur. Wielange ist das her?
SIBILLA
Drei Jahre.
VANNI
Schon?
SIBILLA
In diesem Moment.
VANNI
Sind Sie mir böse?
SIBILLA
Sehr. Ich habe nichts von einem Steinbock.
VANNI
Mein Kopf. Er funktioniert nicht mehr wie früher.
SIBILLA
Fangen Sie nicht wieder mit der Geschichte vom Alter an.
VANNI
Es ist meine Krankheit. Sie ist bis hierher gekommen. Ich mache Exerzitien, wiederhole Namen in Gedanken… (bewegt mit Mühe die Finger) Sehen Sie, man scherzt soviel über den Tod…
SIBILLA
Sagen Sie das Wort nicht noch einmal.
VANNI
In den letzten Wochen hat sich alles verschlechtert. Wir galoppieren in die Unendlichkeit.
SIBILLA
Ich weiß nie, wann Sie scherzen, und wann Sie es ernst meinen.
VANNI
Denken Sie einem Mann in meinem Zustand ist nach Scherzen zumute?
SIBILLA
Sie sind zu allem fähig.
VANNI
Ich bin sehr ernst.
SIBILLA
Dann können Sie nicht hier bleiben und warten. Wir müssen etwas tun.
VANNI
Alles in Ordnung hinterlassen.
SIBILLA
In Amerika gibt es spezialisierte Institute.
VANNI
Keine Schulden.
SIBILLA
Ich werde Bill anrufen, in Boston sind sie sehr gut ausgerüstet. 
VANNI
Bill? Er heißt Biiil! (schreit) Hurraahh!
SIBILLA
Sind Sie verrückt geworden?
VANNI
Amerika! Ich fahre nach Amerika! (Fährt den Rollstuhl ungestühm unter großem Kraftaufwandt im Zimmer hin und her) Nach Boston! Für eine Millionen Dollar geben sie mir zwei Vitamin C Spritzen. Außerdem spreche ich kein Englisch. Ich habe Latein studiert. Einer, der Latein studiert hat, hat in Amerika nur eine einzige Überlebenschance: Baseball. Nein, das ist alles sinnlos, danke für das Verständnis, und grüssen Sie mir Bill. Hey… Amico… ich bin dir dankbar, Amico.
Merken Sie sich das: es ist nichts mehr zu machen, doch ja, eine Sache wäre da noch. (Es klopft an der Tür) Was ist? (Rosa taucht auf)
ROSA
Pragotto hat angerufen, er sagt, er wird dich morgen untersuchen. Du sollst alle drei Stunden Fieber messen und vor dem Essen Lisecantox-zwei einnehmen. Entschuldigt. (Die Tür schließt sich wieder) 
SIBILLA
Vielleicht habe ich nicht richtig verstanden.
VANNI
Sie haben sehr gut verstanden. Pragotto ist ein Dummkopf, und ich bin dabei zu sterben.
O, nicht sofort. Ihr Buch können wir noch schreiben. Wer weiß, was zuerst verschwindet, die Vokale oder die Konsonanten.
SIBILLA
Aber was redest du da?
VANNI
Sietzen Sie mich bitte. Es wird der Moment kommen, in dem ich nicht mehr sprechen kann, und ich habe mich gefragt… warum setzen Sie sich nicht? Möchten Sie einen Tee? Rosa macht Ihnen gern einen: Ich rufe sie.
SIBILLA
Bitte. Ich bin sehr besorgt.
VANNI
O, das bin ich auch. Aber trotzdem liebe ich das Mondäne. Einen 64-iger Barolo? Ich wäre glücklich meine letzte Flasche für Sie zu öffnen. Es ist ein Museumsstück.
SIBILLA
Ich bitte Sie.
VANNI
Der Mann meiner Nichte ist Eisverkäufer in Deutschland. Wenn die Flasche in seine Hände gerät, ist der fähig Eis daraus zu machen, Baroloeiscreme. Sie wissen nicht wie viele Verbrechen in den eigenen vier Wänden begangen werden. Stossen wir an?
SIBILLA
Diese Flasche wird etwas warten müssen. Ich will, daß Sie gesund werden.
VANNI
Die Traube stirbt als Traube und wird als Wein wiedergeboren. Das ist das einzige Beispiel für eine Wiederauferstehung, das ich kenne. Ich wäre gern in Sumatra.
SIBILLA
Lenken Sie nicht ab. Als Erstes brauche ich Ihre Untersuchungsergebnisse. Sagen Sie das Ihrer Schwester. Nein besser, ich sage es ihr selbst. (Geht auf die Tuer zu)
VANNI
Wo gehen Sie hin?
SIBILLA
Sie gehen morgen früh in die Klinik. Haben Sie einen sauberen Schlafanzug?
VANNI
Behandeln Sie mich nicht wie einen alten Mann!
SIBILLA
Wir haben noch viele Jahre vor uns und können gemeinsam noch viele Bücher schreiben.
VANNI
Ich bin am Ende, schreiben Sie sich das hinter die Ohren.
SIBILLA
Ich bin aber erst am Anfang. Und ich brauche Sie. (Macht die Tür auf) Signora Rosa! (Rosa erscheint sofort, vielleicht hat sie gelauscht) Bringen Sie mir die Untersuchungsergebnisse.
ROSA
Die Untersuchungsergebnisse?
SIBILLA
Die ihres Bruders, die gesamte Dokumentation.
VANNI
Gib ihr Nichts!
SIBILLA
Sein Sie still! Mein Vater kennt viele wichtige Leute, sein bester Freund hat eine Klinik. Es gilt keine Zeit zu verlieren.
ROSA
Die Untersuchungsergebnisse hat Pragotto.
VANNI
Pragotto…
ROSA
Er hat sie alle.
SIBILLA
Lassen Sie sie herbringen.
ROSA
Er kommt morgen früh.
SIBILLA
Jetzt gleich, wir dürfen keine Zeit verlieren.
ROSA
Mein Gott, was geht hier vor?
VANNI
Hast du das noch nicht kapiert?
SIBILLA
Geben Sie mir die Adresse von diesem Arzt. Ich gehe selbst zu ihm. Melden Sie mich an.
VANNI
Amerika ist ihr zu Kopf gestiegen.
ROSA
Vanni, was soll ich tun?
VANNI
Ihr Vater haßt mich.
SIBILLA
Das ist Schnee von gestern. Mich jedenfalls liebt er. Er wird tun, was ich ihm sage. Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen.
ROSA
Das kleine Mädchen?
SIBILLA
Kommen Sie. Ich muß mit Ihnen reden. (Will mit Rosa abgehen)
VANNI
Sibilla! Wissen Sie noch, ich habe Ihnen, als ich Sie anrief, von einer Pflanze erzählt.
SIBILLA
Ja, von einer unbekannten Pflanze.
VANNI
(Ergreift das Häubchen und deckt mühsam die Pflanze ab) In all dem Durcheinander hat man ganz vergessen, sie zu begrüssen.
SIBILLA
Ist sie das? (Nähert sich der Pflanze)
ROSA
Er nennt sie Daphne Giovannina. Er ist verrückt.
SIBILLA
Ich dachte, es gäbe sie gar nicht. (Schaut sie verzückt an) Sie ist wunderschön.
VANNI
Ja, sie ist wunderschön.
SIBILLA
Schöner, als Sie sie beschrieben haben.
VANNI
Weil es keine Worte gibt für bestimmte Kreaturen. Schaun Sie dieses Lächeln. Daphne Giovannina von Borneo.
(Dunkel. Musik) 
 
 
 
 
 
 

Bild 4

Der Morgen danach. Vanni schläft im Rollstuhl. Das Fenster ist geschlossen. Die Pflanze ohne Häubchen. Die Tür geht auf. Rosa tritt auf Zehenspitzen gefolgt von Sibilla ein.
 
 

ROSA
Ich habe heute Nacht kein Auge zugemacht.
Er ist gegen sechs Uhr eingeschlafen.
SIBILLA
Es wäre besser, ihm abends ein Schlafmittel zu verabreichen.
ROSA
Er will es nicht. Er sagt, die machen abhängig.
SIBILLA
In dem Fall…
ROSA
Entschuldigen Sie, in welchem Fall?
SIBILLA
Ist es hoffnungslos.
ROSA
Hat man Ihnen das so gesagt?
SIBILLA
Professor Micheli hat die Untersuchungsergebnisse und die Röntgenbilder gesehen. Es kann noch sechs aber auch nur noch zwei Monate dauern. (Rosa bricht in Tränen aus) Die Endphase wird die unangenehmste sein: er wird nicht mehr sprechen können und wird künstlicher ernährt werden müssen.
ROSA
Vater unser, der du bist im Himmel… zum Glück wird er nicht leiden.
SIBILLA
Das kann man nicht sagen.
ROSA
Das hat mir Doktor Pragotto versichert.
SIBILLA
Ihr Bruder ist ein sehr sensibler Mensch.
ROSA
Wenn Sie damit meinen, dass er sich selbst quält… ich sprach von physischem Leid.
SIBILLA
Dagegen gibt es Morphium. Aber gegen das Andere gibt es Nichts. Kann ich die Pflanze anschaun?
ROSA
Nur zu… aber beeilen Sie sich. (Reicht ihr das Vergrösserungsglas)
SIBILLA
Danke. Spricht er manchmal mit ihr?
ROSA
Er sagt nur, ich soll sie wie einen 64-iger Barolo behandeln. Für Vanni ist der Barolo eine Religion. Aber ich habe ihn nie betrunken gesehen.
SIBILLA
Ich ja. Von Ta-chim. Das ist ein Likör, den man in Sumatra braut.
ROSA
Wer weiß, was das für Teufelszeug ist. 
(Sie gehen zu der Pflanze, Sibilla bückt sich und betrachtet sie) 
SIBILLA
Dort sind alle verrückt danach. Er ist Aphrodisiakum. Vanni war euphorisch in der Zeit. Es war wunderbar!
ROSA
Er hat sie von einer Reise mitgebracht, etwa vor einem Jahr. Einer Art Blitzreise. Er wollte drei Monate dort bleiben, ist aber nach zwei Wochen ganz plötzlich wieder zurückgekehrt. Ich habe mich gewundert, aber ich habe ihn nichts gefragt. Er ist ein so griesgrämiger Mensch, und er hätte es glatt fertiggebracht wieder abzureisen. Und ich mache mir stets Sorgen, wenn er wegfährt. Manchmal ist er wie ein Kind, und man muss ihm den gesunden Menschenverstand mit einer Zange entlocken. Die Dummheiten allerdings… Es war nicht das erste Mal, daß er mit einer seltenen Pflanze zurückgegehrt ist, aber für diese hegte er sofort eine besondere Zuneigung.
SIBILLA
Das hier ist keine seltene, es ist eine einzigartige Pflanze.
ROSA
Heißt das, es gibt in der ganzen Welt keine zweite?
SIBILLA
Ja, in Borneo gibt es sie vielleicht. An einem unzugäglichen Ort im Dschungel. Aber hier bei uns ist sie unbekannt. Sie ist nicht katalogsiert, also existiert sie nicht. Kein Botaniker hat sie vor ihm erblickt. Und ihm ist es gelungen, sie am Leben zu erhalten. Mehr als ein Jahr lang.
ROSA
Ehrlich gesagt, bin ich es, die sie gießt. Und ich dünge sie mit Kaffesatz, das weiß er aber nicht.
SIBILLA
Kaffeesatz?
ROSA
Das ist ein alter Trick. Gut für alle Pflanzen.
SIBILLA
Das kann gefährlich sein für ihr System.
ROSA
Wie denn gefährlich, sehen Sie nur, wie schön sie ist. Ihr Botaniker könnt die Pflanzen nur durch die Lupe betrachten, ich habe einen grünen Daumen. (Sibilla nimmt ihre Beobachtung wieder auf) Er hat sie noch nie jemandem gezeigt. Und nachts träumt er von ihr.
SIBILLA
Das ist merkwürdig.
ROSA
Was?
SIBILLA
Der Stempel. Magellano spricht von einer Blume.
ROSA
Von so einer Blume?
SIBILLA
Sehr ähnlich. Wer weiß, warum mir das jetzt einfällt.
ROSA
Dieser Maganello muß ein Betrüger sein. Botaniker sind alle Betrüger,  sagt mein Bruder immer.  Botaniker und  Mediziner.
SIBILLA
Wenn es das ist, das sagt er auch von Kellnern und Atomwissenschaftlern. Sogar von den Tänzern in Sumatra.
ROSA
In jedem Fall hat er Daphne entdeckt.
SIBILLA
Ja, das weiß ich. Aber er hat seine Entdeckung noch nicht publik gemacht. Ich habe nicht verstanden warum.
ROSA
Habt ihr nicht darüber gesprochen? 
SIBILLA
Nur am Telefon. (Sie steht auf und legt die Lupe auf den Tisch)
ROSA
Mein Bruder ist ein Dickkopf. Er hätte den Nobelpreis bekommen können.
SIBILLA
Na, wegen…
ROSA
Warum nicht? Den geben sie heute doch Hinz und Kunz. Mich beeindruckt sie. Sie ist so ausgefallen, so unwirklich, hat in einem Jahr nur ein Blatt verloren, das von ganz oben. Und was sagt der da?
SIBILLA
Welcher der da?
ROSA
Der, der behauptet, sie vor meinem Bruder gesehen zu haben.
SIBILLA
Ah, Maganello. Nein, nichts Bestimmtes. Vielleicht irre ich mich. Es ist eine Erinnerung aus der Zeit von vor einigen Jahren, als ich Reisebücher las. Und es war auch nicht Maganello selbst, der darüber sprach, sondern Pigafetta, glaub ich, der erzählte, daß Maganello… es ist jedenfalls eine etwas komplizierte Geschichte. (Vanni deutet sein Erwachen an)
ROSA
Gehen Sie jetzt. Die Pflanze haben Sie ja gesehen, gehen Sie.
SIBILLA
Ich bleibe.
ROSA
Das ist hier nicht ihr zu Hause, und ich habe schon etwas getan, was ich besser nicht hätte tun sollen.
SIBILLA
Ich bin Ihnen dankbar dafür.
ROSA
Wenn er Sie sieht, regt er sich auf. (Vanni wacht auf) So.
VANNI
O, welch eine Überraschung. Rosa!
ROSA
Ja?
VANNI
Biete Signorina Sibilla einen Stuhl an.
ROSA
Kann ich mich auch hinsetzen, oder muß ich stehen bleiben?
VANNI
Du gehst und machst den Barolo auf.
ROSA
Am frühen Morgen?
VANNI
Das ist die beste Art, den Tag zu beginnen. Bring auch zwei Gläser mit.
ROSA
Mich gibt es nicht, nicht wahr?
VANNI
Bist du nicht Abstinenzlerin?
ROSA
Du bist nicht ganz richtig im Kopf.
VANNI
Du trinkst gern Wein? Seit wann denn das?
ROSA
Seit immer. Hast du den leichten Wein in Katalunien vergessen?
VANNI
Ah, stimmt… gut, bring drei Gläser.
ROSA
Er nimmt mich einfach nicht wahr, für ihn existiere ich nicht. Ich könnte hier auf der Stelle  krepieren.
SIBILLA
Kann ich ihn holen. Sagt mir, wo er ist.
ROSA
Nein, bleiben Sie nur hier. Der Herr hat befohlen. Soll ich ihn in eine Karaffe umfüllen?
VANNI
Was für eine Frage. Man muß schließlich auch die Farbe  genießen. Beeil dich. Und nicht schütteln! (Rosa geht) Ich nehme an, Sie haben mir etwas Unangenehmes zu sagen, also setzen Sie sich. Aber sein Sie beruhigt, ich weiß schon alles. Sehn Sie? Ich gehe nicht mehr ins Bett. Gestern habe ich mir dabei den Kopf gestossen, und heute versuche ich es erst gar nicht mehr. Ich will keinen schlechten Eindruck bei Ihnen erzeugen. (Bewegt die Finger) Es kommt und geht, aber hauptsächlich kommt es. (Sibilla setzt sich) Ich habe gehört, was ihr euch erzählt habt.
SIBILLA
Sie haben nicht geschlafen?
VANNI
Es ist nicht die Pflanze von Manganello. Seine war grau gesprenkelt nicht silbern.
SIBILLA
Sind Sie sicher?
VANNI
Ja. Ich bin auch drauf reingefallen. Kaum hatte ich sie in der Hand, habe ich gedacht, das ist die Pflanze von Manganello. Ich war sehr aufgeregt, wollte sofort in seinen Tagebüchern nachlesen, aber ich hatte sie nicht bei mir. Da habe ich beschlossen, früher zurück zu fahren. Ich habe mit Bangen nach den Seiten gesucht, und als ich sie wiedergelesen hatte, war die Enttäuschung groß. Sie war es nicht. Aber es war immerhin eine unbekannte Pflanze. Sie wieder und wieder betrachtend, fiel mir ein anderes Buch ein, ich hatte es ein paar Jahre zuvor im Gymnasium Archimedes in Bologna gestohlen. 
SIBILLA
Sie stehlen Bücher?
VANNI
O ja, sehr oft. Aber machen Sie sich jetzt keine falschen Vorstellungen, die hier sind fast alle gekauft, gestohlen sind nur etwa fünfzig davon. (Sibilla lacht) Sie stehen doch sonst nur herum und vermodern, ihre Seiten kleben aneinander auf Grund der Feuchtigkeit und des Insvergessengereatenseins im Laufe der Jahrhunderte. Ich lese sie wenigstens. Gut, um zu uns zurück zu kommen: ich habe das besagte Büchlein wieder gelesen und die Enttäuschung hat sich in pure Euphorie verwandelt.
SIBILLA
Was haben Sie entdeckt?
VANNI
Das hier ist die Pflanze von Karmynszki.
SIBILLA
Karmynszki?
VANNI
Ein polnischer Abenteurer. Ihm fehlte der rechte Arm. Manche behaupteten es war ein Löwe, andere, eine Kanonenkugel. Ein Jahrhundert nach Manganello. Er suchte die Pflanze Cryspis canina, ein Aphrodisiakum. Man hat sie zur Herstellung von Ta-chim benutzt. Er hat sie im Auftrag eines gewissen Marchese von Limoges, der vor seinen Gläubigern nach Krakau geflohen war, gesucht. Denken Sie nur, was für eine Geschichte. Und er fand sie. Oder besser, eine ihrer Vorfahren, aber mit genau den gleichen Eigenschaften. Pflanzen ähneln sich  mehr als wir Menschen.
SIBILLA
Ja, das haben Sie immer gesagt.
VANNI
Manchmal wiederhole ich mich. In die Heimat zurückgekehrt schrieb er ein Buch mit Erinnerungen, das sofort wegen der begeisterten Beschreibungen der Polygamie in einigen Tribus ,die seiner Meinung nach glücklich zusammenlebten,  auf den Index gesetzt wurde. Alle Kopien wurden verbrannt, bis auf eine, von der man nicht weiß, wie sie der Verbrennung entgangen ist. Und die ist nach vielen Widrigkeiten in den Händen eines ungarischen Mönchs gelandet, einem Laienbotaniker, der sie ins Lateinische übersetzt hat. Das war Mitte des siebzehnenten Jahrhunderts . Heute sprechen Botaniker kein Latein mehr, und in der Tat , sie verstehen nichts mehr. Die Anwesenden natürlich ausgeschlossen. Ich bin der Einzige, der dieses Büchlein gelesen hat.
SIBILLA
Sie besitzen diese Kopie?
VANNI
Ich finde sie nicht mehr, meine Schwester hat sie irgendwo hingesteckt. Finden Sie sie für mich, sie hat einen Einband aus Pergament.
SIBILLA
Und Karmynszki?
VANNI
Ist bald darauf gestorben. Rerquiescat in pace.
SIBILLA
Und er spricht von dieser Pflanze?
VANNI
Er hat sie minutiös beschrieben. Und erzählt, wofür die Eingeborenen sie verwendeten.
SIBILLA
Wofür? (Man hört wie ein Glas zerbricht)
VANNI
Nein. (Schreit) Neiiin!
SIBILLA
Der Barolo!
VANNI
Ich sterbe!
SIBILLA
Beruhigen Sie sich, wir kaufen einen neuen.
VANNI
(Zu sich) Sie wissen nicht, was sie sagen, sie wissen nicht, was sie tun.
ROSA
(Erscheint lächelnd an der Tür) Es war die Karaffe. Die Flasche ist gerettet.
VANNI
Ich glaub es nicht! Du lügst!
ROSA
(Zeigt die Flasche) Hier ist sie.
VANNI
Schüttle sie nicht!
ROSA
Wie oft habe ich dir gesagt, man muss diese Stufe reparieren.
VANNI
Jetzt ist es meine Schuld! Verstehen Sie? Die Stufe war schon so, als es meine Großeltern noch gab. Man repariert eine seit einem Jahrhundert beschädigte Stufe nicht! Das wäre als würde man heute die Fassade von San Petronio vollenden!
ROSA
(Es ist still, dann lacht Sibilla. Auch Vanni lacht und am Ende auch Rosa) Soll ich sie aufmachen?
VANNI
Schnell, bevor sie dir endgültig runterfällt. Signorina, bringen Sie die Gläser.
ROSA
Aha, schon die Gläser.
VANNI
Du bleib da. Nicht bewegen. Sie sind dort in der Konsole. (Sibilla geht ab) Langsam. Gieß richtig ein, daß kein Tropfen verloren geht. Das ist  Blut von Jesus Christus.
ROSA
Keine Gotteslästerung! Sonst laß ich die Flasche fallen.
SIBILLA
(Kommt mit drei Gläsern wieder) Hier die Gläser.
VANNI
Für einen Wein wie diesen müsste man Gläser aus böhmischem Kristall haben. Ich hab es meiner Schwester so oft gesagt: kauf einen Krug, einen Krug aus Böhmen!
ROSA
Die kosten Tausende.
VANNI
Sei still! Und mach vorsichtig auf. Der 61-ger war auch ein guter Jahrgang, aber der 64-iger… (Die Flasche ist geöffnet) Er lebe hoch! (Rosa gießt den Wein in die Gläser) Das ist sie, die göttliche Quelle. Sieh nur die Farbe: Rubin- zum Amarantrot neigend. (Sibilla reicht Vanni ein Glas, der es mit beiden Händen festhält) Bacco, großer Botaniker. (Rosa gibt Sibilla ein volles Glas und schenkt sich dann selbst ein) Basta, für dich nur ein kleines Bisschen. Macht das Fenster auf. (Sibilla macht das Fenster auf) Es ist der Beginn des Tages, der saftig wie eine Frucht sein wird. Bibo, ergo sum. Sum, ergo bibo. Und wenn hier einer Prost sagt, erwürge ich ihn.
ROSA
Auf unsere…
VANNI
Was unsere? Auf ihre. (Hebt das Glas in Richtung Pflanze) Propino tibi salutem…
SIBILLA
… Daphne Giovannina von Borneo. (Rosa und Sibilla erheben ebenfalls das Glas)
ROSA
Prost. (Vanni schimpft. Sibilla lächelt. Sie trinken. Dunkel. Musik)
 
 
 
 
 
 
 
 
 

  ZWEITER AKT
 

                Bild 1
 

Einige Tage später, nachmittags, Vanni sitzt mit einer Decke auf Knien im Rollstuhl. Die Pflanze ist ohne Häubchen und Vanni betrachtet ihre Blätter durch eine Lupe. Rosa geht nervös im Zimmer auf und ab. Das Fenster ist geschlossen.

VANNI
(ärgerlich zu Rosa) Wo ist sie denn hingegangen?
ROSA
(Schreit) Was weiß ich denn? Ich kann sie doch nicht fragen, wohin sie geht, sie ist doch kein Kind mehr.
VANNI
Schwestern von Kranken schreien nicht.
ROSA
Du würdest selbst den heiligen Vater zum Schreien bringen. Herr verzeih’ mir, doch du hast mir einen Bruder geschenkt…
VANNI
Es ist nur…mir ist ein bestimmter Vermerk eingefallen, den ich ihr erklären muß. Und ich will nicht, daß er vorher in dem schwarzen Loch meines Erinnerungsvermögens verschwindet.
ROSA
Hast du es aufgeschrieben.
VANNI
Ich kann den Stift nicht fühlen, es kommt nur Gekritzel heraus.
ROSA
Willst du es mir diktieren?
VANNI
Kannst du schreiben?
ROSA
Unterschreiben kann ich jedenfalls. (Schiebt den Rollstuhl an den Tisch)
VANNI
Hibiscus coccineus, hibiscus roseus, hibiscus militaris…
ROSA
(Setzt sich und nimmt einen Stift) Aber langsam.
VANNI
Die Botanik ist der Schlüssel für das verstandesmäßige Erfassen, unserer selbst, aber die  Botanik selbst kann man nur verstehen, wenn man das Mysterium des Ursprungs anerkennt…
ROSA
Langsam! Für das verstandesmäßige Erfassen,  unserer selbst aber… (Vanni hört ihr nicht zu) 
VANNI
Botanik ohne Mysterium ist wie ein steriler Samen in der Leere, unfruchtbar. Es erscheint unglaublich, aber um neue Wissenschaften zu entwickeln, muß man zum Mythos zurückkehren.
ROSA
(Wirft den Stift weg) Ich verstehe nichts, ausserdem sprichst du zu schnell.
VANNI
Vielleicht nähere ich mich Gott,  angesichts des Todes ist es Vielen so ergangen. 
ROSA
Wäre es nur so.
VANNI
Du wirst gar nicht mehr wütend, wenn ich dir sage, dass ich sterbe. Du bist dabei, dich an den Gedanken zu gewöhnen, hast du vielleicht schon mit dem Abzählen des Bestecks angefangen? (Rosa macht eine entschuldigende Geste) Du musst dich nicht entschuldigen, wäre ich an deiner Stelle, ich hätte dich schon vor einem Jahr die Treppe herunter gestossen, und du würdest jetzt allein und verlassen auf einem Korridor in einem Krankenhaus liegen. Ich bin nicht karitativ, und ich hasse Kranke.
ROSA
Das hat noch gefehlt, daß du behauptest ein Mörder zu sein.
VANNI
Es gibt ein paar hundert Personen, die ich gern umgebracht hätte, dich zuerst.
ROSA
Mich?
VANNI
Als du geboren wurdest, hätte ich am Liebsten Zyankali auf die Brustwarzen unserer Mutter geschüttet. Was sollte dieses schreckliche schreiende Kücken? Der Hahn im Korbe war ich.
ROSA
Ich hätte am Liebsten Aldo umgebracht, nachdem er mich geschwängert hatte. Ich hab ihm immer gesagt: sei vorsichtig, sei vorsichtig… und er: hab keine Angst, ich bin schließlich kein kleiner Junge mehr… du hast recht, ich habe mein Leben vergeudet.
VANNI
Ich glaube, du hättest nicht mehr, als das, was du getan hast, tun können. Die Vergeudung war vorherbestimmt.
ROSA
Wäre ich Nonne geworden, hätte ich nützlicher sein können.
VANNI
Wäre ich, hätte ich…
ROSA
Ich hätte in ein armes Land gehen und unseren Nächsten helfen können. „Gib zu Essen den Hungernden “.
VANNI
Das fehlte noch. Ich fahre nach Afrika auf der Suche nach seltenen Pflanzen und begegne dir, meiner Schwester, die sie als Salat verzehrt.
In Nonnentracht.
ROSA
Es gibt so viele Kinder, die leiden.
VANNI
Es sind nicht die Kinder, die am meisten leiden. Gib einem Kind ein buntes Steinchen, und es ist selbst im Sumpf glücklich. Die Eltern aber wissen, dass die Schüssel leer ist. (Bewegt die Finger) Warum kommt sie nicht wieder?
ROSA
Als ich bemerkt habe, daß ich schwanger war, wollte ich sterben.
VANNI
Warum hast du es mir nicht sofort erzählt?
ROSA
Du warst in Japan. 
VANNI
Man darf auch nicht fünf Minuten weg sein.
ROSA
Es war deine erste Reise nach dem Hochschulabschluss. Außerdem wusste ich, wozu du mir raten würdest. Ich war Sechzehn. Mama habe ich es im Auto erzählt. Sie sagte, „halt an“., mir drehte sich der Kopf. Sie hat fünf Minuten lang nichts gesagt, sie redete ja sowieso schon wenig. Dann hat sie angefangen zu weinen und hat gesagt: und was mache ich jetzt?…es war, als wäre sie schwanger und nicht ich.
VANNI
Typisch für unsere Mutter, die Hauptperson war sie.
ROSA
Wir haben zwei Stunden lang im Halteverbot vor einem Schuhladen gestanden, ich kann mich noch an die Preise erinnern. Sie weinte, und ich war still. Alle, die vorbeikamen schauten ins Auto. Dann sah ich plötzlich einen Polizisten und sagte: Mama, der Polizist. Da hat sie ihre Energie wieder gefunden, hat den Motor gestartet und gesagt: deinem Vater sagst du es. Aber ich will in dem Moment nicht im Haus sein. Meinen Vater kennend, dachte ich, ich müsse sterben. Und so war es auch, er hat, ohne auch nur einen Moment zu zögern, zugeschlagen. Als Mama von der Tante zurückkam, blutete ich aus der Nase. Um mich zu trösten, hat sie mir einen Tee gekocht, und seitdem ist Tee…Später habe ich den wahren Grund für all diese Wut verstanden. Es war nicht, weil ich schwanger war, es war, weil Aldo Klempner war. Und ausserdem war er Vierzig, genauso alt wie Papa. Das konnte der nicht verwinden. Er hat sich erst nach zwei Jahren beruhigt, als er gesehen hat, daß Aldo mehr als er verdiente.
VANNI
Was bringt es Buchhalter zu sein?
ROSA
Hast du ihn das auch sagen hören?
VANNI
Nein, ich habe es mir gedacht.
ROSA
Aldo war doch ein Gentleman, er hat mich geheiratet. Aber dann war das Leben für mich zu Ende. Er wurde kurze Zeit später krank, und es gab nur noch Leid, die wenigen Ersparnisse waren schnell verbraucht. Damals hat man Asbest für die Durchlauferhitzer verwendet.
VANNI
Siehst du, was man im Rollstuhl nicht alles erfährt.
ROSA
Du warts nie da, und wenn du da warst, warst du trozdem nicht da. Mit deinen Pflänzchen und deinem Gewächshaus in unserem Garten. Hättest du wenigstes eine Verlobte gehabt…
VANNI
Habe ich gehabt.
ROSA
Wie?
VANNI
Nichts, nichts.
ROSA
Ich hätte mich ihr anvertrauen können.
VANNI
Denkst du immer noch, daß das Leben himmlisch ist?
ROSA
Himmlisch heißt nicht heiter.
VANNI
Das ist wahr, Gott gibt allen Leid, welch Gewandt sie auch tragen mögen, und das von Gott verhängte Leid ist so gross, daß es das von den Menschen verhängte zweitrangig erscheinen lässt. Gib mir zu Trinken. (Rosa steht auf, nimmt eine Flasche vom Tisch und gießt ein grünes Getränk in ein Glas) Ich habe Krämpfe. Wie ich sie auf dem Schiff hatte. (Rosa gibt ihm zu Trinken)
ROSA
Ich hab ein bisschen Minze hinein getan: (Vanni trinkt. Stöhnt) Was ist ?
VANNI
Ein stechender Schmerz. Und wenn ich schlucke, tut es auch weh. So, es ist wieder vorbei.
ROSA
Noch ein bisschen?
VANNI
Wenn ich dir doch sage, daß es mir wehtut beim Schlucken.
ROSA
Entschuldige. (setzt sich wieder ans Fenster) Hast du das Mädchen, das eine Zeit lang kam… hast du sie nicht mehr gesehen?
VANNI
Welches Mädchen? 
ROSA
Diese Deutsche.
VANNI
Frida? Nein. Die hat sich in Nichts aufgelöst.
ROSA
Sie gefiel mir, sie war sympatisch.
VANNI
Es sind sechs oder sieben Jahre vergangen, wer weiß, wo sie jetzt ist.
ROSA
Mamma mia, sieben Jahre.
VANNI
Sie wird sich im Wald verirrt haben. Oder vielleicht hat sie sich erhängt. Sie war der Typ dafür… wenn sie den richtigen Baum gefunden hat. Das ist das Ziel der Botanik.
ROSA
Sich aufzuhängen?
VANNI
Den Baum zu finden.
ROSA
Und du musst Galle an Stelle des Blutes in den Adern haben.
VANNI
Und du hundert Gramm Obstbrei an Stelle des Herzens.
ROSA
Sie hatten zwei schöne Zöpfe.
VANNI
Seitdem deine Tochter nach Deutschland gegangen ist vergötterst du die Deutschen.
ROSA
Ich vergöttern?
VANNI
Weil sie alle potentielle Kunden des Eisladens sind. (Rosa lacht) Wie alt sind die Kinder jetzt?
ROSA
Luca elf und Valeria acht.
VANNI
Siehst du sie schon lange nicht mehr?
ROSA
Seit Weihnachten. Mehr als einmal im Jahr ist schwierig, und jedes Mal ist es shoking.
VANNI
Sprich italienisch! Schalt das Fernsehn ab.  Sag, „mir schlägt das Herz bis zum Hals, ein Gefühl.
ROSA
Na ja, es fällt mir schwer sie wieder zu erkennen. Luca ist schon so groß und Valeria ist sehr intelligent.
VANNI
Sprechen sie unsere Sprache?
ROSA
Ein bisschen. Das, was sie zu Hause hören. Aber immer weniger, natürlich. Und dann mit einer Aussprache… Luca sagt noenna Roesa und Valeria golazioene. Aber sie sind sehr gut erzogen, beide sind ein Schatz wirklich. Sie haben mich sehr gern. (Hat Tränen in den Augen) Liliana hat mich gefragt, warum kommst du nicht her, aber ich will nicht, ich spreche kein Deutsch. Und ausserdem will ich keinem zur Last fallen.
VANNI
Ist der Stern Pragotto ist schon versunken?
ROSA
Ich bitte dich…
VANNI
Er hat so eine schöne Glatze, trägt immer eine Krawatte, hat einen grossen Kundenkreis und kann so wunderbar Spritzen verpassen mit diesen Händen wie Pranken. Lass ihn dir nicht entgehen, servier ihm deine Radieschen- Buletten. Du bist noch immer eine schöne Frau.
ROSA
Was soll denn das.
VANNI
Du hast schöne Brüste und einen schönen Arsch. Außerdem kannst du bügeln, kochen und am Telefon antworten.
ROSA
Ich habe eine Kartoffelnase.
VANNI
In Deutschland hättest du Erfolg damit. (Rosa lacht von Herzen)
ROSA
Keiner kann mich so wie du zum Lachen bringen.
VANNI
Wenn Pragotto dich heiratet, könnt ihr hier leben. In diesem Zimmer kann er seine Praxis einrichten. Aber die Geige bleibt wo sie ist, an der Wand und an dem Haken. Ich werde das im Testament festhalten. Meine erste Liebe. Erinnerst du dich? Es war mein Traum, ein großer Geiger zu werden. Das Concerto minore von Mendelssohn. Wie oft habe ich das geübt. 
ROSA
Ich konnte es nicht mehr hören. 
VANNI
Markus Djorevic. Wer kennt den schon noch? Einer der wenigen, der seinem Instrument keine Bauchschmerzen bereitet hat. Schwesterchen, ich will in einem Mangrovienwald beigesetzt werden. 
ROSA
Was ist das?
VANNI
Das sind Bäume, die im Wasser wachsen.
ROSA
Wer weiß, was das für ein Sumpf ist!
VANNI
Ja, Sumpf, Schlamm, Moor. Du wirst dir Gummistiefel anziehen und mir rosa und weiße Nymphen bringen. Ist das nicht wunderschön? (Bewegt die Finger mit einem leichten Stöhnen)
ROSA
Tun sie dir weh?
VANNI
Ja! Aber warum kommt sie nicht wieder?
ROSA
Sie muß sich informieren, das braucht Zeit.
VANNI
Informieren, worüber?
ROSA
Wann du in die Klinik kannst.
VANNI
Ich will nirgendwo hin! Lasst mich in Frieden! Ich will es nicht verlängern mit den blöden Visagen der Ärzte, die mit ihrem Latein am Ende sind. Es ist nichts mehr zu machen, siehst du das nicht? Es schreitet jeden Tag voran, und ich bin froh, endlich werde ich wissen, worum es eigentlich geht, und wenn ich letztendlich vor Gottes Angesicht trete, werde ich zu ihm sagen: so Heiliger Vater, würdest du mir endlich dieses verdammte Mysterium erklären?…
ROSA
Keine Gotteslästerung!
VANNI
Gott ist nicht so dumm, die Form zu wahren. Ich bin sicher, er wird mich an die Hand nehmen „Komm her Vannino, jetzt sollst du es erfahren “. Und wird mir etwas so Einfaches, Elementares ans Banale grenzendes sagen… wie die Noten in ihrer Reihenfolge: do re mi fa … und ich: „Warum ist mir das nie eingefallen?… und er: Und ich, was hätte ich denn dann noch zu tun gehabt?“… Und man wird viele kleine Lacher um Markus Djorevic herum hören, der dort ganz in der Nähe ist und mit seiner Violine das Concerto minore von Mendelssohn spielt. (Es klingelt an der Tür) Da ist sie! Schnell, geh aufmachen. (Rosa beeilt sich) Sie soll hierher kommen. Sofort! Sag ihr, ich bin verärgert. Sehr verärgert! Und daß ich nicht ins Krankenhaus gehen werde. (Bewegt die Finger)  Ich will keine Ärzte am Hals haben! (Die Tür öffnet sich, es erscheint Rosa lächelnd) 
ROSA
Der Herr Doktor Pragotto. Lassen wir ihn hereinkommen? (Ohne eine Antwort abzuwarten, stülpt sie das Häubchen über die Pflanze und geht. Vanni dreht den Kopf zur Pflanze) 
DIE STIMME von ROSA
Bitte, treten Sie ein, Herr Doktor. Sie können raufgehen!
VANNI
Verstehst du Daphne? Das ist das Leben. Soll ich dem etwa nachtrauern? (Dunkel. Musik.)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

  Bild 2
 

Am selben Tag gegen Abend. Vanni diktiert, Rosa schiebt ihn hin und her. Sibilla sitzt am Tisch und macht Notizen. Die Pflanze ist ohne Häubchen, das Fenster geschlossen.
 

VANNI
Den Zustand subalterner Aktivität bezeichnen wir als Dependenz… in der sich das funktionelle Vermögen der vegetativen Kreaturen befindet… Meinen Sie, die Kinder werden das verstehen?
SIBILLA
Sicher werden sie das verstehen.
ROSA
Ich würde es nicht verstehen.
VANNI
Du bist nicht maßgebend. Du heißt zwar Rosa, aber in meinem Katalog kommst du nicht vor. 
ROSA
Napoleon hat gesprochen.
SIBILLA
Das sind nur Notizen für die Einleitung. Das Handbuch an sich ist in einer sehr einfachen Sprache geschrieben.
VANNI
Gut. Wenn wir beobachten… (Verzieht das Gesicht und bewegt die Finger) 
ROSA
Muß die Nichtmaßgebliche weiterschieben?
VANNI
Ja, denn wenn wir uns bewegen… bewegen sich auch die Konzepte besser.
SIBILLA
Ich würde es vorziehn, zu unterbrechen.
VANNI
Ich bin fast fertig. Schieb. (Rosa gehorcht) Wenn wir die Fortbewegung bestimmter Teile beobachten, sehen wir, daß sie sich im Zusammenhang mit der vom Organismus erreichten Evolution – wir reden hier über Botanik, und es scheint, als redeten wir über mich – auf evidente Weise unterscheiden. Verweilen wir zum Beispiel bei dem elementaren Phänomen… bekannt als Dispersion der Sporen… entdecken wir, daß hier in einer Organisation simplen Typus’… (klopft Sibilla mit der linken Hand auf den Rücken, was ihm erhebliche Anstrengung abverlangt). Wach auf! Wacht auf!
SIBILLA
Basta. Wir machen morgen weiter. (Steht auf und geht ans Fenster)
ROSA
Das wurde auch Zeit. (Vanni ist entkräftet)
VANNI
Daphne, süße Daphne.
ROSA
Versuch gerade zu sitzen. (Legt ihm ein Kissen in den Rücken). 
VANNI
Gib mir was zu Trinken.
ROSA
Aber das Schlucken tut dir doch weh…
VANNI
Das ist egal, ich habe Durst.
ROSA
Mit Minze?
VANNI
Wasser, reines Wasser. (Rosa nimmt ein Glas vom Tisch und geht ins Bad. Man hört das Geräusch von laufendem Wasser)
SIBILLA
Das Wetter schlägt um.
VANNI
Es gibt da diesen Vers von Ungaretti: „Meine Qual/ kommt wenn/ meine Harmonie vergeht…“ Ich fühle Harmonie nur dann, wenn ich den Zipfel eines neuen Blattes berühren kann. Dann ja: es ist das einzig Gute, was mir Erkenntnis gebracht hat in all den Jahren.
SIBILLA
Nur das? (Rosa tritt ein)
ROSA
Wenn Sie ihm Fragen stellen, muß er natürlich antworten. Du sollst nicht sprechen. (Gibt Vanni zu Trinken) Das Wasser im Bad ist frischer als das aus der Küche. Ich habe nie verstanden warum. (Vanni trinkt und verzieht das Gesicht)
VANNI
Geh ins andere Zimmer.
ROSA
Ich denke nicht daran.
VANNI
Gehorche, oder soll ich die Geige da auf deinem Kopf zertrümmern. (Man hört es donnern) Hör mal, da ist ein schönes Gewitter im Anzug. Geh auf die Terrasse und nimm die Wäsche ab.
ROSA
Da ist keine Wäsche abzunehmen. Und außerdem haben wir keine Terrasse.
VANNI
Bitte laß uns allein.
ROSA
Was gibt es, was ich nicht wissen soll?
VANNI
Etwas, was ihre… nicht meine Leiden betrifft.
ROSA
(mürrisch) Und wer denkt an meine? (Stellt das Glas auf den Tisch und geht ab)
VANNI
Jetzt haben wir mehr Platz, aber ich weiß nicht, ob es uns gelingt … ihn auszufüllen.
SIBILLA
Der Himmel ist auf einmal ganz schwarz geworden.
VANNI
Bitte bringen Sie mich ans Fenster. (Sibilla schiebt den Rollstuhl ans Fenster) Die sonnigen Tage sind alle gleich. Aber Gewitter… keines gleicht dem anderen. (Ein Blitz) Haben Sie den Blitz erwartet? Ich nicht. Es ist großartig.
SIBILLA
Wie fühlst du dich?
VANNI
Sie, bitte immer noch Sie. Wir wollen doch nicht pathetisch werden, nicht wahr? Ich fühle mich gut. (Ein Donnerschlag) Auf den Moment habe ich gewartet: Du bist ein unverbesserlicher Meckerer. Wie meine Schwester. Gib das Buch ohne meine Anmerkungen heraus. Sie sind langweilig und kompliziert, lediglich eine Wiederholung meiner alten Vorlesungen. Heute schreibt man nicht mehr so.
SIBILLA
Ohne Ihren Namen wird man es nicht akzeptieren.
VANNI
Blödmänner. Die Verleger verstehen nichts, schlimmer als die Mediziner. Werden Sie nach Boston zurückkehren?
SIBILLA
Man hat mir einen Platz in der Forschung angeboten. 
VANNI
Welcher Forschungszweig?
SIBILLA
Moose und Flechten. Forschung für angewandte Medizin. Oder besser gesagt für Medikamente.
VANNI
Bei all dem Geld, das die haben, ist es ihnen nie in den Sinn gekommen, einen Botanischen Garten anzulegen. Jedenfalls Gratulation, das ist eine sehr gute Arbeit.
SIBILLA
Ich habe Nein gesagt. Den Brief habe ich heute morgen abgeschickt.
VANNI
Das ist eine sehr mutige Entscheidung. Und eine sehr dumme dazu. Gratuliere nochmals.
SIBILLA
Ich glaube ich werde nach Sumatra gehen.
VANNI
Sumatra… (Scheint plötzlich verloren)
SIBILLA
Ich kann nicht in einem Labor hocken. Ich muß die Natur berühren , ihren Geruch spüren ,und alle lebendigen Signale direkt emfangen können. Ich will meine Träume nicht verraten. Und außerdem ist Sumatra der Ort meiner Erkenntnis. Dort ist etwas passiert…was mir helfen wird zu verstehen… jetzt wo jede Nadel ihr Kissen gefunden hat…in das man stechen muß, um sich nicht allzu weh zu tun.
VANNI
Das ist ein schönes Bild.
SIBILLA
Es ist nicht von mir. Es ist von Olga Baladina, einer russischen Dichterin des 19. Jahrhunderts. Jeder zitiert die seinen.
VANNI
Dieses Kissen… wäre also Ihr Herz? (Donner) Würden Sie mir… Ihre Hände reichen? Ich spüre… eine gewisse Kälte. (Sibilla beugt sich über ihn und ergreift seine Hände) Ich bin dabei sie zu verlieren, und es schafft mir Erleichterung… sie in den Ihren zu wissen.
SIBILLA
Erinnern Sie sich noch an den Bungalow…in dem wir die ersten zwei Monate gewohnt haben?
VANNI
O ja… er war wunderschön. Mit dem Garten… den Palmen und dem Bambus.
SIBILLA
Ich habe mich informiert. Es gibt ihn noch. Wir wollten ihn kaufen, erinnern Sie sich?
VANNI
Und wir wollten Affen zähmen. (Sie lachen) Damit sie uns von den Gipfeln der Bäume die am höchsten hängenden Kokosnüsse herunterholen… die, die zuerst die Sonne erblicken.
SIBILLA
Ich werde ihn kaufen.
VANNI
Was werden Sie kaufen?
SIBILLA
Den Bungalow.
VANNI
Und wie wollen Sie das machen?
SIBILLA
Mein Vater ist einverstanden mit einer Rendite. Ich brauche nicht viel zum Leben. Das wird mein zu Hause sein, für immer. 
VANNI
Werden Sie Bill mitnehmen? (Sibilla lacht)
SIBILLA
Sind Sie eifersüchtig?
VANNI
Ich hasse sie alle. (Sibilla streichelt seine Hände) Das ist mein Ring!
SIBILLA
Ich habe ihn lange nicht getragen.
VANNI
Perlen aus Sumatra. Die verkaufen sie an den Straßenecken. (Draußen regnet es)
SIBILLA 
Sie besitzen eine bestimmte Eigenschaft. Wußten Sie das?
VANNI
Lassen sie Krämpfe verschwinden?
SIBILLA
Sie lassen den Regen kommen.
VANNI
Es ist unglaublich. Manchmal… der Regen, so ganz unvorhergesehen und ohrenbetäubend. Erinnern Sie sich? Die Gänse, wie sie unter den Fußboden des Bungalows flüchteten.
SIBILLA
Und die Papageien, die wie die Klatschweiber herumflatterten. Und  ganz plötzlich war wieder Stille. Man hörte nur noch die Stimme des Fährmanns, der zur letzten Fahrt rief. Wir waren ganz allein… wie im Garten Eden.
VANNI
Ja.
SIBILLA
Ich war Dreiundzwanzig und ich hätte nie gedacht, das eine einzige Regennacht so verheerend sein könnte. Mit dem Geheul, dem Kreischen und Sausen des Windes. Ich dachte, sollte ich eines Tages die Liebe kennen lernen, hätte ich gewollt, sie wäre genauso stark und beängstigend. Und die Fundamente meines Hauses würden beben. Und der Regen mich bis aufs Mark durchnässen, die Donnerschläge mich taub machen und in Ohnmacht fallen lassen. Dieser Kontakt mit der Natur ließ mir die europäischen Städte, die ich verlassen hatte, wie  aus Brotteig gefertigte von Gnomen bevölkerte Weihnachtskrippen erscheinen. Und ich fühlte mich gigantisch, weil ich dabei war, mein Land zu erobern: wenn ich die Arme ausbreitete, konnte ich beide Pole berühren und meine Flaggen einpflanzen. Ich habe mich nie so ewig, nie so in Harmonie gefühlt, wie Ihr Dichter es ausdrücken würdet.
VANNI
Und ich? Wie habe ich mich… in Ihren Augen… benommen?
SIBILLA
Sie waren mein ahnungsloser Held. Und jeden Tag nahmen Sie mehr Raum in meinem Leben als Frau ein. Davor war ich noch nie verliebt. Die Recherchen am Tag, der komische Sing- Sang am Abend… das Anzünden des Feuers… das Trinken von Ta chim in kleinen Schlucken, ich hatte als Gesundheitsfanatikerin vorher nie getrunken- Sie haben mich korrumpiert. Alles floß im Zentrum meines Lebens zusammen dem kleinen wilden Vulkan, dessen Münder sich mehr und mehr öffneten, bereit mit ihrer Lava eine grüne Ebene zu verschlingen. Das Kerzenlicht vergrößerte die Schatten und das Verlangen, das einen jungen Körper, der sich nicht verteidigen will, ergreifen kann. Du warst wunderbar mit deinem ungepflegten Haar, mit diesen Worten, die nur du kanntest, diesen Händen, die durch die Luft flogen, wenn du die Entfernung zwischen unserem Dorf und dem Meer errechnetest, den Einbaum als Maß nutzend die Meter und Meilen zum Teufel schicktest, weil sie dir zu nüchtern waren; und wenn du von deiner Kindheit erzählt hast, was du in den Tagen oft getan hast, wer weiß warum… dieser Kindheit, so anders, sie war so eine Art surrender Kokon. Du hast mir das scheinbar alles erzählt, damit ich mehr Verständnis für deine Altersqualen, wie du sie nanntest, aufbringen konnte.
VANNI
Ich habe Durst. Ich habe Durst. Schrecklichen Durst. (Sibilla rennt ins Bad und füllt das Glas) Das, was mir da unten gefehlt hat, war der Barolo. Auch ein 70-iger hätte genügt. (Sibilla kommt mit dem vollen Glas zurück und führt es an Vannis Lippen, der trinkt langsam, verzieht das Gesicht und schreit) Ich hätte dein Großvater sein können!
SIBILLA
(Schreit) Und was machte das? Was macht es jetzt?
VANNI
Das macht es! Großväter sitzen im Rollstuhl!
SIBILLA
Ich hätte dich mit Freuden gepflegt! Ich hätte dir alles gegeben: meine Jugend, meine Arbeit, meine Gesundheit. Wieviel hätten wir beide tun können! Wenn du wüßtest, wie wenig mir daran gelegen war mit diesem verdammten Stipendium nach Boston zu gehen! Wenn du wüßtest, wie vielen Bills ich die Tür vor der Nase zugeschlagen habe! Du bist ein Mörder! Ein Feigling! Du lässt die Liebe im Kühlschrank verschimmeln, und die Welt ist voll von Menschen, die sich nach ihr sehnen! Ich hasse dich! (Ohrfeigt ihn wütend) Wo soll ich je einen Mann wie dich finden? (Weint und wirft sich auf ihn)
STIMME von ROSA
Vanni!
VANNI
Bleib wo du bist! Mir ist es nie so gut gegangen wie jetzt!
SIBILLA 
Ich möchte heute Nacht hier bleiben. Ich kann auf einer Matratze am Boden schlafen. Ich verlasse dich nicht mehr. (Stille. Man hört nur den Regen und Donner aus der Ferne)
VANNI
Höhr mal… heute morgen wollte ich dir etwas sagen, aber wir wurden unterbrochen.
SIBILLA
Was war das?
VANNI
Etwas, was den polnischen Mönch und die Eigenschaften von Daphne Giovannina betrifft. Au! (Bewegt den Arm)
SIBILLA
Tut es sehr weh?
VANNI
Ein stechender Schmerz. Ich war dabei dir zu erzählen… was die Eingeboren damit machten.
SIBILLA
Ja, ich erinnere mich.
VANNI
Gut, willst du es wissen? Gift für ihre Pfeile.
SIBILLA
Gift?
VANNI
Für einen sanften Tod. Einen schnellen, ohne Schmerzen und Todeskrämpfe. Die Eingeborenen nennen es Saha Uma, was soviel bedeutet wie sanfter Wind. Sie benutzen es gegen Tiger und einige Arten von Hyänen, die ihre Hühnerhöfe heimsuchen. Tiger und Hyänen sind verwandt und vom gleichen Wind gebracht wie wir, sagen die Eingeborenen. Sie müssen sterben, damit sie keinen Schaden in den Dörfern anrichten können. Aber ihr Tod muß so leicht sein, wie der Wind, der sie bringt. Das erzählt Karmynszki. Er hat es von einem alten Mann dort unten erfahren.
SIBILLA
Mein Gott. Das Gift ist in den Blättern?
VANNI
Nicht so ganz. Wenn du ein Blatt abreisst, siehst du,  wie sich ein kleiner weisser Tropfen an seinem Stil bildet. Das ist das Gift. Der Zipfel, der Stil und der Stengel sind harmlos. Auch die Wurzeln. Das ist das große Geheimnis von Daphne Giovannina. Ein Tropfen pro Blatt.
SIBILLA
Und warum sollte ich eins abreißen?
VANNI
Das ist eine gute Frage. Hier gibt es weder Tiger noch Hyänen. Aber wenn du einen Augenblick nachdenkst, kannst du dir selbst die Antwort geben. (Stille. Sibilla hält sich die Hände vor den Mund, als wolle sie einen Schrei ersticken) Kluges Mädchen. Es ist ein Gift, das keine Spuren hinterläßt. Die Ärzte werden nichts kapieren, sie werden irgendeinen Unsinn von Meningitis-Infarkt oder extra- körperlichen Kollaps reden. (ein stärkerer Donnerschlag und Regen) Hörst du, wie es regnet im Bungalow?
SIBILLA
Das werde ich niemals tun.
VANNI
In den sechs Monate hast du mir ein ganzes Leben geschenkt. Wir haben mit unseren Fingernägeln den Himmel aufgerissen und haben den Mond angeheult. Haben Honig aus Bienenwaben getrunken. Du hast jetzt Verpflichtungen mir gegenüber.
SIBILLA
Wo ist das Buch von Karmynszki?
VANNI
Es war mir auf den Boden gefallen, Rosa hat es weggelegt, aber sie weiß nicht mehr wohin. Wir müssen es finden. Es ist das einzige auf der Welt existierende Exemplar:  die Welt wird sich ruhig weiterdrehen, auch wenn du es hinterher verbrennst. (Sibilla ist schockiert) Erlauben wir uns diese kleine Verbrennung. Wir haben Millionen von Pflanzen- und Tierarten vernichtet und werden keine Skrupel haben dieses unbedeutende Büchlein, das keiner kennt, zu vernichten. (Krümmt sich) Ich fühle mich wie ein Bogen... nachdem der Pfeil abgeschossen wurde. (Schreit) Rosaaa! (Die Tür geht sofort auf)
ROSA
(Tritt ein und schreit) Was schreist du? Ich bin ja nicht weggelaufen!
VANNI
Du warst hinter der Tür!
ROSA
Wo soll ich denn hingehen, hä? Und miß Fieber jetzt, auch wenn es nichts nützt! (Zu Sibilla immer noch schreiend) Es gibt gewisse Regeln, oder nicht? Respektieren wir wenigstens die. (Zu Vanni) Willst du, dass man nachher sagt, ich hätte meine Pflicht nicht getan?
VANNI
Du hast recht: Gib mir das Thermometer. Und eine Lisecantox-zwei.
ROSA
(Schreit) Wo ist es? Wo hab ich es bloß hingelegt?  (Sucht auf dem Tisch, während Sibilla unter den Büchern nachsieht) Hier ist es! (Schüttelt das Thermometer und weint) Ich Esel von einem Esel! (Steckt es Vanni unter die Achsel) Und Sie, was suchen Sie?
SIBILLA
Ein Buch.
ROSA
Was für ein Buch? Die klaut deine Bücher!
VANNI
Sei still, dummes Frauenzimmer! Das Buch, das du neulich vom Boden aufgehoben hast.
ROSA
Das ist da. (Zeigt auf einen Punkt in der Bibliothek. Sibilla findet es)
VANNI
Ich bring dich um! Gibt’s denn das?
ROSA
Es ist mir wieder eingefallen! Ist das nicht erlaubt? Darf man das nicht?
VANNI
Jetzt sperr mal deine Ohren auf. Wenn der Moment gekommen ist, bekommt Sibilla die Pflanze. (Rosa will antworten) Ich habe gesagt, wenn der Moment gekommen ist! Sei still. Sie wird sie mitnehmen. Keiner darf es merken, keiner darf wissen, daß diese Pflanze hier war. Klar?
ROSA
Warum?
VANNI
Es ist ein Geschenk.
ROSA
Dann kriegt sie den Nobelpreis!
VANNI
Red keinen Quatsch! Beruhige dich und sei still, du machst mich müde. Das Buch kriegt sie auch. Stecken Sie es in ihre Tasche! (Sibilla steckt das Buch in die Tasche) Und du bring eine Matratze. Und eine Bettdecke. Sibilla schläft heute Nacht hier.
ROSA
Warum? Ich bin doch da. Und außerdem gibt es keine Matratze.
VANNI
Was soll das heißen, es gibt keine Matratze? Hat dieser arme Mann von Klempner, dein Ehemann, ohne Matratze geschlafen?
ROSA
Ich habe das Ehebett nie getrennt, nicht einen einzigen Tag, und werde das ganz bestimmt auch jetzt nicht tun!
VANNI
Hör auf mit dem nonnenhaften Gehabe! Glaubst du immer noch, dein Mann sieht dich von da oben, beschützt dich und überwacht die Unversehrtheit eures Ehebettes? Wo hat der dich geschwängert, unter den Augen unserer verschiedenen Großeltern? Was hier gilt, gilt dort oben nicht
ROSA
Was weißt du schon?
VANNI
Es spricht alles dafür.
ROSA
Also, ich glaube dran, und ich spreche jeden Abend mit ihm. (Schaut nach oben) Ciao, Aldo!
VANNI
Wenn du mit mir sprechen willst, wirst du in den Keller gucken müssen, denn ich verschwinde nach unten,  nach sehr weit unten.
ROSA
Sicher, weil die da oben dich nicht wollen.
SIBILLA
Hört auf damit! Ich brauche keine Matratze. Er kann im Bett schlafen und ich im Rollstuhl.
ROSA
Warum gehen Sie nicht zu sich nach Hause? Trauen Sie mir nicht? Und welches Recht haben Sie? Wollen Sie ihn bis ans Ende mit all diesen Fragen für Ihr verdammtes Buch quälen? 
VANNI
Nimm mir dieses Thermometer raus.
ROSA
Sie sind wirklich naiv. Glauben Sie, daß der hier in der Lage wäre, eine Frau zu lieben?
VANNI
Komm her.
ROSA
Zu Befehl.
VANNI
(Flüstert) Sie hat keine Kartoffelnase.
ROSA
Wie?
VANNI
Bist du taub? Sie hat keine Kartoffelnase! (Vanni kichert, Sibilla schüttelt den Kopf und lächelt)
ROSA
Und was gibt es da zu Lachen? Für mich war das ein großes Problem. Habt ihr jemals mit 15 Jahren eine Kartoffelnase gehabt? (Zieht das Thermometer heraus) Sechsundreissig ein halb. Kein Fieber. Siehst du, es geht dir besser. (Vanni dreht den Kopf zur Pflanze)
VANNI
Ja, es geht mir besser. Stimmts Daphne? Wir haben das Eis gebrochen und ich fühle mich besser.
(Dunkel. Musik)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

             Bild 3

Die darauf folgende Nacht. Sibilla schlafend unter einer Decke im Bett. Vanni liest im Rollstuhl sitzend ein Buch, dessen Seiten er mühsam im Halbschatten umblättert. Die Tür im Hintergrund ist geöffnet und es dringt ein kleiner Lichtstrahl herein. Das Licht verlischt. Man hört, wie jemand stolpert und ein leises Stöhnen. Das Licht geht wieder an, Rosa erscheint sich den Fuß massierend in der Tür.
 

VANNI
(Flüsternd) Gib jetzt nicht der Türschwelle die Schuld.
ROSA
(Leise) Es war dunkel.
VANNI
Natürlich, du hast das Licht ausgemacht.
ROSA
Ihr habt vergessen, es auszuschalten.
VANNI
Wir haben es extra angelassen, damit du nicht stolperst.
ROSA
Hättest du es ausgeschaltet, wäre ich nicht hereingekommen.
VANNI
Hättest du.
ROSA
Was?
VANNI
Nichts, nichts.
ROSA
Willst du Fieber messen?
VANNI
Ich kann es nicht erwarten. In der Hölle werden sie mich in den Kreis der Verdammten stecken, die alle fünf Minuten Fieber messen müssen, auch wenn sie gar keins haben. Das ist eine Tortur, die Dante nicht vorgesehen hat. (Sibilla erwacht ganz plötzlich)
ROSA
Du hast sie aufgeweckt. (Macht das Licht im Zimmer an)
VANNI
Nein, du hast sie aufgeweckt.
SIBILLA
Wie spät ist es?
ROSA
Die Uhr hat noch nicht geschlagen, also ist es noch nicht sechs.
SIBILLA
Welche Uhr?
ROSA
Die vom Kirchturm. Früher hat die Glocke nachts zu jeder Stunde geschlagen.
VANNI
Zu jeder halben und jeder viertel.
ROSA
Aber leiser.
VANNI
Man konnte nicht schlafen. Das ganze Viertel konnte nicht schlafen.
ROSA
Da haben sie einen Volksentscheid gemacht, und die Gottlosen haben gewonnen, von abends um zehn bis morgens um Sechs ist das Läuten jetzt verboten.
VANNI
Das haben wir mit einem Feuerwerk gefeiert.
ROSA
Ohne die Maghrebiner hättet ihr nicht gewonnen.
VANNI
Das ist wahr. Es war ein multirazzialer Sieg.
ROSA
Mir haben die Glocken in der Nacht Gesellschaft geleistet. (Vanni schreit, hält sich den Hals. Die beiden Frauen laufen zu ihm) Was ist passiert?
VANNI
Ein schmerzhafter Stich im Hals. Au…
ROSA
Ich rufe Pragotto an.
SIBILLA
Ja, schnell.
VANNI
Nein! Das geht schon vorüber. (Atmet tief) Es ist vorbei.
SIBILLA
So plötzlich?
VANNI
Nein es hat sich angekündigt. Mir war als… als lege man mir Stacheldraht um den Hals.
Aber es ist das erste Mal, dass… (Läßt sich in den Rollstuhl zurück fallen) Frieden.
SIBILLA
Im Santa Margherita können sie dich heute schon aufnehmen. Ich habe mit dem Chefarzt gesprochen.
VANNI
Kann ich Daphne mitnehmen?
SIBILLA
Das glaube ich nicht.
VANNI
Dann bleibe ich hier.
ROSA
Soll ich dir einen Tee machen?
VANNI
Hast du welchen gekauft?
ROSA
Ja.
VANNI
Das ist Liebe.
ROSA
Möchten Sie auch einen?
SIBILLA
Danke, sehr gern.
ROSA
Sehr gern. Euch werde ich nie verstehn. (Geht ab)
VANNI
Glaubst du an Gott?
SIBILLA
Ich weigere mich zu antworten.
VANNI
Signorina, tun Sie so als wären Sie noch auf der Universität und müssten sich eine gute Note verdienen.
SIBILLA
Ich glaube an ein Mysterium, das jeder vor Augen hat.
VANNI
Simpel, machen wir weiter. Und es ist dieses Mysterium, das Ihnen sagt Gutes zu tun?
SIBILLA
Würde es unsere Sprache sprechen, wäre es kein Mysterium mehr.
VANNI
Signorina Sie machen Ausflüchte. Ich wiederhole die Frage. Wenn ein Mensch leidet, findet er Trost durch das Mysterium?
SIBILLA
Nein.
VANNI
Die Prüfung ist beendet. Ich gebe Ihnen ein ‚sehr gut’. Auch wenn Sie das Mysterium betreffend einige Unsicherheiten aufweisen. Strengen Sie sich an.
SIBILLA
Ich werde einen Volksentscheid für das Läuten der Glocken anstrengen. (Sie lachen)
VANNI
Das Blatt, das man abbrechen muß ist das, das an der Spitze wächst, es enthält am meisten Gift. Sagt Karmynszki.
SIBILLA
Ich glaube, ich kann das nicht.
VANNI
Es wird eine lange und schreckliche Agonie sein. Sie werden mir die Nase mit Sonden und Schläuchen zustopfen. Ich werde künstlich ernährt werden, auch mit Ananassaft, den ich noch nie mochte. Ich werde alles verstehen, aber nicht sprechen können. Und das ist das Schlimmste, denn so kann ich mich der Gewalt der Ärzte nicht widersetzen. Ich werde weinen vor Wut und der Chefarzt wird sagen ‚Bindehautentzündung’, und man wird mir fünf mal am Tag Tropfen, die schrecklich brennen, in die Augen träufeln. Bald darauf werde ich das Gehöhr verlieren. Ich werde in einer stillen Vorhölle voller Ängste und Schmerzen umherirren, werde versuchen, die Bewegungen der Lippen, die über mir hängen zu entziffern, aber wie du weißt, sprechen Ärzte ostgotisch. Anschließend werde ich auch das Augenlicht verlieren und als arme dahinvegetierende Pflanze voller Lebenssaft langsam in das Mysterium, von dem du gesprochen hast, eintreten, und meine Schwester wird der Krankenpflegerin, die mich jeden morgen saubermacht, ein Trinkgeld geben. Dann werden sie aufhören, mich anzuschaun, sie werden nur noch die Apparate an die ich angeschlossen bin beobachten, um zu sehen, ob mein Herz, meine Leber und meine Nieren auf die Therapie ansprechen. Man wird viele Pieptöne in meinem Zimmer hören, und jedes Piep entspricht einem mechanischen Impuls, der mich zu Rosas Freude mit Lebensenergie versorgt, so dass sie sagen kann, heute sieht er gut aus oder noch besser, heute hat er kein Fieber. Ich werde das Gefühl für die Zeit verlieren, und so werde ich bei lebendigem Leib die Ewigkeit des Leids erfahren. Ich werde Wunden in den Nasenlöchern haben, mein Zahnfleisch wird anschwellen und mein Hals wird voll Belag und kleiner Geschwüre sein; in dieser Dunkelheit, aus der es kein Zurück gibt, werde ich allein sein mit meiner Reue, und wie das Gespenst in Prinz Hamlet sagt, in der Üppigkeit meiner Sünden. Und am Ende all dessen, aber das wird nach langer Zeit und sehr zermürbend sein, werden meine Urin- und Kotproben sowie die Leber- und Milzbefunde, die längst durch die zahlreichen Biopsien zerstört sind, in ein kleines Plastiksäckchen gesteckt und verbrannt werden, während meine Krankenakte im Archiv im letzten Stock landet, eingeschweißt in einen orangefarbenen Ordner. Dort wird sie, im dritten Regal links oben zwischen den Ordnern einer Masseuse und eines Boxers vergessen werden und auf das Jüngste Gericht warten, das sich nie entschliessen kann zu erscheinen. Ich bitte dich, liebe Tochter: erspare mir all das, wenn du kannst. (Sibilla hat gesenkten Kopfes zugehört)
SIBILLA
Ich soll dich töten. Ich, die ich Samen züchte… die Zirkulation der Lebenssäfte erforsche… ich soll dir den Tod geben. (Rosa tritt mit einem vollen Tablett ein)
ROSA
Ich muß mich wegdrehen, ich krieg Pickel allein von dem Geruch. (Stellt das Tablett auf den Tisch) Gießt ihn euch selbst ein. Da ist Zucker, Milch, Zitrone hab ich schon reingetan. (Sibilla gießt den Tee ein) Vorsicht, er ist heiß. (Geht zum Bett und legt Vanni die Hand auf die Stirn) Du bist nicht heiß, fühlst dich frisch an. Siehst du? Man kann nie wissen. Pragotto kommt morgen nachmittag. Er hat mich zur ersten Kommunion seiner Enkelin eingeladen. (Hilft Vanni mit großer Anstrengung sich aufzurichten) 
VANNI
Hurra! Ich höre die Hochzeitsglocken läuten.
ROSA
Einerseits freue ich mich, andererseits nicht, denn ich muß ein Geschenk kaufen. Die Preise heutzutage… Außerdem habe ich diese Enkelin noch nie gesehen. Wer weiß, was ihr gefällt. Vielleicht ein Täschchen. Oder ein Hütchen. (Sibilla flößt Vanni den Tee mit einem Teelöffel ein)
SIBILLA
Vielleicht einen Rucksack.
ROSA
Oh, nein, ich hasse Rucksäcke. Im Bus hauen die Kinder die einem immer ins Gesicht. Einen Füllfederhalter.
VANNI
Wenn du was Falsches schenkst, wird Pragotto dich nicht heiraten.
ROSA 
Hör auf damit. Ein Paar Handschuhe. Ein Tagebuch.
SIBILLA
Ich habe eine Spieluhr bekommen. Die habe ich heute noch.
ROSA
Das ist eine gute Idee!
VANNI
Was spielt die?
SIBILLA
Doktor Chivago. Ich musste immer weinen.
ROSA
Ich hab eine unten im Schaufenster vom Schreibwarenladen gesehen, ein Karussell mit kleinen Pferdchen. Morgen früh gehe ich hin. (Vanni stöhnt vor Schmerz)
SIBILLA
Rufen Sie die Ambulanz. Vom Krankenhaus Santa Margherita. (Rosa läuft raus)
VANNI
Du bist nicht viel wert, eine graue Maus wie viele andere Frauen. Ich habe dich für stärker gehalten. Hab Mitleid mit mir. Ruf sie zurück.
SIBILLA
(Macht die Tür auf) Rosa! (Rosa zeigt sich) Warten Sie. Vielleicht später.
ROSA
Warum später?
VANNI
(Merkwürdig lachend) Es geht mir besser.
SIBILLA
Warten wir zehn Minuten… vielleicht ist es nicht so eilig.
ROSA 
Ich verstehe Sie nicht. Man merkt, daß Sie ihn gern haben. Aber Sie verhalten sich anders.
SIBILLA
Das tun wir mehr oder weniger alle.
ROSA
Wenn Sie sich eine Weile auf meinem Bett ausruhen wollen… Sie sehen aus wie jemand, der kein Auge zugetan hat.
SIBILLA
Nein, danke. Das, was ich vielleicht brauche, wäre eine gute Tasse Kaffee.
ROSA
Ah, wir kommen langsam zur Vernunft. Ich mach Ihnen eine.
SIBILLA
Er ist eingeschlummert.
ROSA
Lassen Sie ihn schlafen. (Rosa nimmt das Tablett mit den Tassen und der Teekanne) Das kommt alle von diesem Ekelgesöff.
(Geht. Sibilla setzt sich aufs Bett)
SIBILLA
Hörst du mich?
VANNI
Ja.
SIBILLA
Es hat nichts mit der Angst vor Gott oder dem  Gefängnis zu tun. Es ist die Geste, die ich nicht begreifen kann, ich soll  dir das Gift verabreichen, ausgerechnet ich.
VANNI
Wer liebt mich am meisten. Frag nie Philosophen, Theologen oder arme Geistlose.
SIBILLA
Warum hast du es nicht selbst getan?
VANNI
Dante, das Inferno, dritter Gesang.
SIBILLA
Die Faulen.
VANNI
Sagen wir lieber die Feigen. Ich dachte, wer weiß, ich dachte vielleicht, ich dachte es ist nicht gesagt… In Wahrheit zitterte mein Herz. Ich habe einmal ein Blatt abgebrochen. Hab den Tropfen gesehen. Habe dran gerochen. Er roch leicht nach Kamfer. Ich hätte nur die Zunge herausstrecken müssen. Ich wünschte diese Zunge, die soviel redet, hätte es getan, gegen die Hand, die das Blatt festhielt. Es wäre wie damals in der Kindheit bei der Kommunion gewesen. Aber die Zunge hat sich zurück gezogen, und die Hand tat das gleiche, vielleicht waren sie einverstanden miteinander. So bin ich im dritten Gesang gelandet.
SIBILLA
Und darum soll ich es tun?
VANNI
Ich liebe mich nicht genug.
SIBILLA
Was hast du mit dem Blatt gemacht?
VANNI
Es ist liegt zwischen den Seiten von Karmynszki’s Buch. Der Tropfen ist dort heruntergefallen. Da wo der violette Fleck ist. (Sibilla nimmt das Buch und öffnet es, blättert darin und hält auf einer Seite inne) Leg das andere Blatt auch hinein. Und dann verbrennst du das Buch und die beiden Blätter. Nicht vergessen, verbrennen. Verbrennen. Ein heiliges Feuer. Ich danke dir jetzt schon, später wird keine Zeit mehr dafür sein.
SIBILLA
Bist du so sicher, daß ich es tun werde?
VANNI
Seit du zurück gekommen bist, lebe ich von dieser Hoffnung.
SIBILLA
Darum warst du so glücklich, mich wieder zu sehen.
VANNI
Nein, sieh mal… dafür gibt viele Gründe… aber die verändern sich und sind auf unsägliche Weise miteinander verknüpft. Du bist die Frau deretwegen ich mich für meinen Körper geschämt habe. Und du bist die Frau, die mich zum Prinzen, zum Herrscher gemacht hat.
SIBILLA
Warum bist du davon gelaufen?
VANNI
Weil ich nicht wollte, dass du mich brauchst.
SIBILLA
Ich habe dich da schon gebraucht.
VANNI
Dann bitte ich dich um Vergebung.
SIBILLA
Vielleicht kann ich dir helfen zu sterben. Aber verzeihen werde ich dir nie. (Rosa kommt mit dem Kaffee herein)
ROSA
Sie haben ihn aufgeweckt!
VANNI
Ich bin von selbst aufgewacht. Das kann ich noch immer allein.
ROSA
Ich habe zwei Löffel rein getan. Ist das gut für Sie?
VANNI
(Trübselig) Sie trinkt ihn ohne Zucker.
ROSA
Dann soll sie nicht umrühren.
VANNI
Hättest du nicht vorher fragen können?
ROSA
Ich tue zwei Löffel rein, Pragotto tut zwei Löffel rein, alle normalen Menschen auf dieser Welt tun zwei Löffel rein. Nur du hast einen rein getan, aber dass du verrückt bist, das weiß man ja, und ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie ich es fertig gebracht habe, dich zu überzeugen, daß man zwei nimmt.
VANNI
Du hast mich nicht überzeugt, du hast mich gezwungen.
ROSA
Und jetzt fängt auch noch die Sibilla an! Wie konnte ich denn wissen, daß sie keinen Zucker nimmt? In welchem Botanikbuch steht das geschrieben?
SIBILLA
Ich bitte Sie, das ist kein Problem. Zwei Löffel sind ok.
ROSA
Leider habe ich schon umgerührt.
VANNI
(Schreit) Und warum sagst du dann, man braucht ihn nur nicht umzurühren?
ROSA
Weil man das in solchen Fällen so sagt. Soll ich einen neuen machen?
SIBILLA
Nein, es ist alles bestens. Ich brauche Zucker.
ROSA
Dann tun Sie noch zwei dazu. Möchtest du ihn?
VANNI
Nein: Ich möchte Tee.
ROSA
Barolo zum Frühstück und Tee in der Nacht!
VANNI
Was ist daran so komisch?
ROSA
Tee trinkt man am Morgen oder höchstens am Nachmittag.
VANNI
Und wo hast du das gelesen? In deinem Messbüchlein?
ROSA
Keine Blasphemien, nicht jetzt!
VANNI
Jetzt wann? Was heißt das, nicht jetzt? Willst du damit vielleicht sagen, dass meine Stunde geschlagen hat? Werde ich morgen früh sterben? Um Sieben? Um Acht? Um Viertel nach Neun? Sibilla mach schnell, ich bitte dich. Ich halte es nicht mehr aus.
ROSA
Was hälst du nicht mehr aus? Was soll das heißen, Sibilla mach schnell? (Vanni schließt die Augen und antwortet nicht)
SIBILLA
Ich soll das Buch schnell beenden.
ROSA
Hatten Sie es denn nicht schon fertig? Fehlte nicht nur die Einleitung?
SIBILLA
Die Anmerkungen. Ich muß sie noch ordnen.
ROSA
Das kapiere einer, Sie haben noch das ganze Leben vor sich. (Die Kirchturmuhr schlägt Sechs) Sechs Uhr. Die Nächte sind lang. (Sieht die Pflanze an) Jedenfalls die nehmen Sie mit.
SIBILLA
Ja.
ROSA
Wo werden Sie sie hinbringen?
SIBILLA
Das hab ich noch nicht entschieden.
ROSA
Geben Sie ihr alle fünfzehn Tage Kaffeesatz. Und lockern Sie danach mit einem Teelöffel die Erde etwas auf.
SIBILLA
Ja.
ROSA
Meine Nachbarin hatte wunderschöne Geranien. Wegen des Kaffees.
SIBILLA
Der wird ihr auch gut tun.
ROSA
Natürlich. Sie hat nur ein Blatt verloren. In einem Jahr. (Guckt zu Vanni, um sich zu versichern, dass er schläft) Arme Daphne.
SIBILLA
Warum arme?
ROSA
Sie hat sehr an meinem Bruder gehangen. (Die beiden Frauen sehen sich an. Dunkel. Musik.)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

   4. Bild
 

Der Tag danach. Die Pflanze ist abgedeckt. Vanni reglos im Rollstuhl. Hat immer mehr Schwierigkeiten zu sprechen. Sibilla liest ihm die Einleitung ihres Buches vor. Durch das geschlossene Fenster dringt das erste Tageslicht.
 

SIBILLA
Wir müssen dem dramatischen Problem der tropischen Wälder größte Aufmerksamkeit widmen. Deren systematische Zerstörung hat bereits zu einschneidendem Ungleichgewicht in der Umwelt geführt, so daß aller Voraussicht nach in wenigen Jahrzehnten mit  irreparablen Auswirkungen sowohl auf das Klima als auch auf eine friedliche Organisation des sozialen Lebens auf unserem  Planeten zu rechnen sein wird. Die Umwelt vor wahllosen Angriffen zu schützen, ist nicht nur ein Akt der Liebe , den wir der uns geschenkten Natur zollen, sondern gleichzeitig ein Akt der Verteidigung der Rechte der ärmsten Völker und zukünftiger Generationen und damit Garantie für den Frieden auf unserer Welt. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, erscheint die Einbindung der Jugend, der wir die Basis für einen Einstieg in das weitläufige, faszinierende und in vieler Hinsicht noch zu entdeckende Gebiet der Botanik ermöglichen wollen, von fundamentaler Wichtigkeit.
VANNI
Bravo. Das ist die richtige Sprache. Du weißt, wie man mit Jugendlichen redet. Sie müssen lernen, daß die Botanik keine abstrakte, von ein paar komischen Zwergen mit Chlorophyl an den Händen betriebene Disziplin der Wissenschaft ist. Auch wenn es meiner Meinung nach ein zum Scheitern verurteiltes Unternehmen ist, die Welt von Verbrechern und Dummköpfen befreien zu wollen. (Röchelt) Ah!
SIBILLA
Versuch dich nicht zu bewegen.
VANNI
Ich würde gern in die Welt beissen wie in einen Apfel und den Wurm ausspuken. Sie werden alles zerstören, die gigantischen Sequoien die Gänseblümchen auf den Wiesen, das Edelweiß bis hin zu den Mangrovienwäldern, und in zwanzig Jahren wird mein Skelett plötzlich auftauchen und Panik unter den Anwesenden verbreiten. Ach ja, ich habe es dir nicht gesagt… ich möchte zwischen  Mangrovien beerdigt werden. Ich werde es in mein Testament schreiben.
SIBILLA
Im Schlamm beerdigt?
VANNI
Das ist die Materie, aus der wir gemacht sind - sagt Shakespeare. Auch die Bibel ist einverstanden. (Rosa tritt ein)
ROSA
Budapest ist auch überschwemmt. Und der Wasserstand der Seine hat sein Limit erreicht. Das ist die Sintflut.
VANNI
Das wurde auch Zeit.
ROSA
Zum Glück gibt es die Feuerwehrmänner, sie retten die Menschen. Sie vollbringen wahre Wunder, das ist was Anderes als deine Pflanzen. 
VANNI
Jetzt haben wir’s mit dem Pflanzen.
ROSA
Wärest du nicht Botaniker geworden, hättest du Feuerwehrmann werden können.
VANNI
Wenn du nicht hättest…dann hätt’s du…
ROSA
Wie dem auch sei, im Falle einer Überschwemmung hättest du wenigstens von Nutzen sein können.
(Geht ans Fenster)
VANNI
Ein Feuerwehrmann in einem Boot ist ein wirkungsvolles Bild für die menschlichen Widersprüche.
ROSA
Es hat aufgehört zu regnen, aber die Vorhersagen sehen schlecht aus. (Geht und faßt in die Blumemerde) Hier hingegen herrscht Trockenheit. Die einen haben zuviel und die anderen nichts. (Geht im Zimmer auf und ab. Während Rosa spricht, sitzt Sibilla regungslos mit gesenktem Kopf da.) Mir tut der Rücken weh… zuviel Feuchtigkeit. (Nimmt ein Glas und geht ab)
STIMME von ROSA
Pragotto sagt, wir sind die zweite Stadt in Italien, was die Feuchtigkeit anbelangt. Die erste ist Comacchio. Pragotto sagt, da kommen die Aale aus den Wasserleitungen. (Lacht)
ROSA
(Kommt mit einem vollen Glas zurück und begießt die Pflanze) Pragotto ist wirklich lustig. Ich war im Schreibwarengeschäft. Die Spieldose ist teuer, vierzig Euro. Fast achtzigtausend Lire. Ich bin doch kein Dukatenscheißer. Aber sie ist schön mit den Pferdchen, die sich im Kreis drehen. Er hat sie mir vorgespielt.
SIBILLA
Welche Melodie spielt sie?
ROSA
Er sagt ein bekanntes Kinderlied. An den Titel erinnere ich mich nicht mehr. (Vanni singt)
VANNI
Ich schenk dir n’ Taler geh zum Markt, kauf dir ne Kuh, Kälbchen dazu…
ROSA
Er ist verrückt geworden. (Vanni singt übertrieben laut)
VANNI
Kälbchen hat ein Schwänzchen, wie alle alle Hänschen…
ROSA
Giovanni! (Vanni singt wütend)
VANNI
Und hätten die Hänschen kein Schwi… Schwa… Schwänzchen…
ROSA
Hör auf!!! (Geht auf und ab und weiß nicht, was sie tun soll. Sibilla ist erstarrt.) Heilige Jungfrau Gottes! Heilige Jungfrau Gottes!
VANNI
Ding dong , ding dong , was schlägt der Glockenton! Ding, dong! Ding dong! (Ringt verzweifelt nach Luft und schreit.) Daphne!
ROSA
Heilige Jungfrau Gottes. Ich ruf den Krankenwagen. (Läuft schnell raus. Sibilla stürzt zu Vanni.)
SIBILLA
Vanni! Sprich mit mir, ich bitte dich.
VANNI
(Dreht seinen Kopf zu Sibilla) Sie werden in wenigen Minuten hier sein.
SIBILLA
Ich habe Angst.
VANNI
Du geh jetzt, ich werde sie beschimpfen, und sie werden mich mit Beruhigungsmitteln vollpumpen, das wird nicht gerade erbaulich.
STIMME von ROSA
(Am Telefon) Hallo? Meinem Bruder geht es schlecht, er dreht durch. Er schreit und springt. Weil er gelähmt ist. Ich wollte sagen, er springt, weil er unruhig ist, er hat Krämpfe. Ja. Beeilen Sie sich. Via Pelagi 18. Dritter Stock.
VANNI
(Zwischen den Zähnen) P e l a g i. Nicht Pelagi. Sie wird es nie richtig aussprechen. (Zu Sibilla) Geh geh. Glaub nicht, daß du mit ins Krankenhaus kommen kannst. Und vergiß Daphne nicht. (Rosa kommt zurück)
ROSA
In zwei Minuten sind sie hier.
SIBILLA
Vielleicht wird er einen Schlafanzug brauchen.
ROSA
Die Tasche ist längst gepackt, was denken Sie? Hätte er auf mich gehört, wäre er schon vor einem Monat ins Krankenhaus gegangen.
VANNI
Rosa… (Die beiden Frauen laufen zu ihm)
ROSA
Er hat mich gerufen. (Sibilla entfernt sich) Ich bin hier, Vanni.
VANNI
Das sehe ich. Du warst immer hier. Auch wenn ich nicht hier war.
ROSA
Ich habe immer versucht da zu sein, wenn man mich braucht.
VANNI
Nicht weinen, wenn Pragotto dich nicht heiratet. Die beste Rache ist, du wechselst den Hausartzt. Such dir einen aus den Gelben Seiten. (Rosa weint) Rosa!
ROSA
Ja.
VANNI
Leg dir einen Geliebten aus Thailand zu.
ROSA
Ich weiß doch nichtmal wo Thailand liegt.
VANNI
Laß es dir von Sibilla erklären. Geh, mach auf.
ROSA
Sie sind noch nicht da.
VANNI
Woher weißt du das?
ROSA
Man hätte die Sirene gehört.
VANNI
Kann doch sein … sie ist kaputt.
ROSA
Das wäre ja der Gipfel, wenn die kaputt wäre.
VANNI
Wenn … dann wäre…
ROSA
(Zu Sibilla) Er weiß nicht mehr, was er sagt. (Geht ans Fenster und schaut runter) Worauf warten die? (Man hört die Sirene aus der Ferne) Da sind sie!
VANNI
Es wäre schön…wenn es Feuerwehrleute wären… in einem Boot.
ROSA
Er wird feindselig und starrköpfig sein! (Die Sirene nähert sich) Hoffentlich geht sie auf. Manchmal geht sie nicht auf. Du solltest das Schloß auswechseln lassen. (Geht sich die Tränen trocknend ab. Man hört, wie sich die Tür im Treppenhaus öffnet. Sibilla wirft sich aufs Bett)
VANNI
Was auch immer du im Leben tun willst… in welchem Moment auch immer… tu es mit Freundlichkeit… so, als würdest du das letzte Exemplar… einer zarten und scheuen Blume bewahren wollen. (Sibilla dreht sich unvermittelt um und nähert sich der Pflanze. Sehr lautes Sirenengeheul)
SIBILLA 
Wirst du mich in meinen Träumen besuchen? (Nimmt das Häubchen von der Pflanze)
VANNI
Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Und du, wirst du mich in meinen Träumen besuchen? 
SIBILLA
Dein und mein Traum sind sich so nah, dass der Moment einer Trennung wohl lägst vergangen ist. Ich bin da und warte auf dich. (Reißt das oberste Blatt ab, die andere Hand wie eine Schale darunter haltend. Die Sirene verstummt)
VANNI
Erinnerst du dich an die Nacht… im Bungalow… als du mir… die Stiefel ausgezogen hast?
SIBILLA
Wir waren den ganzen Tag durch den Wald gelaufen.
VANNI
Meine Strümpfe waren zerfetzt.
SIBILLA
Eine große Liebe kann auch so beginnen. (Küßt ihn auf die Lippen)
VANNI
„Allein steht jeder im Herzen der Erde/ durchbohrt  von einem Sonnenstrahl…
SIBILLA
… und plötzlich ist es abend“. Hier deine Kommunion. (Führt ihm das Blatt an den Mund. Vanni nimmt es zwischen die Lippen. Er lächelt Sibilla an und schließt die Augen) Verzeih mir. (Sie verbleibt reglos mit dem Blatt in der Hand)
STIMME von ROSA
Ist sie auf? Und jetzt? Im dritten Stock! (Dunkel. Musik)
     5. Bild
 

Dasselbe Zimmer, eine Woche später. Vannis Bett ist nicht gemacht, die Matratze zusammengerollt. Der Rollstuhl, die Fotos und das Herbarium sind nicht mehr da. Die Pflanze ist zugedeckt. Auf dem Boden diverse offene Kartons, einige voller Bücher. Das Bücherregal ist teilweise leer. Rosa packt Bücher in einen der Kartons. Es klingelt an der Tür. Rosa geht die Tür öffnen und steigt danach auf eine Leiter.
 

STIMME von SIBILLA
Rosa? Ist es erlaubt?
ROSA
Ich bin hier. (Sibilla tritt ein: sie sieht nicht mehr wie ein junges Mädchen aus, sondern wie eine erwachsene Frau. Rosa schaut sie erstaunt an.)
SIBILLA
(Sich umsehend) Komisches Gefühl…
ROSA
Wem sagen Sie das… (Stille)
SIBILLA
Ich bin gekommen, um die Pflanze abzuholen.
ROSA
Ich komm gleich runter.
SIBILLA
Ich will nicht stören.
ROSA
(Heruntersteigend) Aber nein. Ich habe plötzlich von einem Moment auf den anderen so viel freie Zeit… verzeihen Sie, wenn ich Ihnen nicht die Hand gebe, aber sie ist voller Staub. (Es fällt eine Postkarte aus einem Buch) Oh! (Sie hebt sie auf) Die Karte habe ich ihm geschickt. (Dreht die Karte um) 1957… Grüsse aus Cesenatico. Ich war zehn Jahre alt. Wer weiß, warum er sie aufgehoben hat. Postkarten hat er immer in den Papierkorb geworfen. 
SIBILLA
Ihr Bruder hat Sie gern gehabt. (Rosa zuckt mit den Schultern)
ROSA
Er war so verschlossen. Wie soll man wissen, was in den Herzen der Anderen vorgeht? 
SIBILLA
Werden Sie die Wohnung verkaufen?
ROSA
Ja, ich habe mit meiner Tochter gesprochen, ich werde zu ihr ziehen. So kann ich ein bisschen mehr mit meinen Enkeln zusammen sein, sie waren noch so klein, als sie weggingen… er hätte mir doch sagen können, daß ihm die Postkarte gefallen hat…
SIBILLA
So war er nun mal.
ROSA
(Mit weinerlicher Stimme) Dieser Esel! Und bedenkt man, wie er mit den Blättern sprach… er sagte sanft „du bist schön, du hingegen ein bisschen häßlich,“ Fünfzig Jahre lang haben wir uns gestritten, an jedem von Gott auf Erden gesandten Tag. Bis auf’s Blut. Nicht nur so rein familier.
SIBILLA
Ja, ich hab’s gesehen.
ROSA
Sogar am Telefon. Einmal hat er mich aus Ägypten angerufen, um mir zum Geburtstag zu gratulieren. Komischerweise hat er sich manchmal ganz plötzlich an mich erinnert. Unser Streit war so heftig, daß uns die Pyramiden hören konnten. Was wir uns alles gesagt haben! Aber ich habe gewonnen, damals.
SIBILLA
Welches Sternzeichen sind Sie?
ROSA
Steinbock. Sehen Sie den Fleck da? Ich bin einmal ohne anzuklopfen hereingekommen, da hat er mit dem Tintenfass nach mir geworfen. Er wollte den Fleck nie entfernen. Er sagte, man altert mit den eigenen Flecken. Aber er war ein ehrlicher Mensch. Auch wenn er Bücher geklaut hat.
SIBILLA
Das haben Sie gewusst?
ROSA
Natürlich habe ich das gewusst, hat er es Ihnen auch gesagt? Er kam mit leuchtenden Augen nach Hause, und zog triumphierend ein Buch unter dem Mantel vor. Und sagte: „Sgraffignatus est!“ Und er küsste es. Seine Theorie war; gestohlene Bücher fühlen sich mehr geliebt. Also tat er es zu ihrem Besten.
SIBILLA
Ja, diese Wände haben einiges gehört.
ROSA
Einmal, ich war noch klein, hat mein Vater mich gezwungen die Katzenjungen in der Badewanne zu ertränken.
SIBILLA
Warum mussten Sie das tun?
ROSA
Vielleicht hat ihm der Mut gefehlt. Wissen Sie, zwischen Sagen und Tun… man braucht immer jemanden, der die heißen Kartoffeln aus dem Feuer holt. Und weil ich danach geweint habe, hat meine Mutter mir einen Tee gemacht, um mich zu trösten. Seitdem ist Tee für mich… Was ich wirklich bedaure ist, dass ich nicht  das letzte Wort hatte.
SIBILLA
Wollten Sie ihm noch etwas sagen?
ROSA
Aber nein, nichts Besonderes. Er wollte immer das letzte Wort haben; und da habe ich immer gesagt, das allerletzte Wort werde ich haben. Ich hätte nur gern mein Wort gehalten, aus Liebe.
SIBILLA
Keiner von Ihnen beiden hat das letzte Wort gehabt.
ROSA
Ich weiß. Sie hatten es.
SIBILLA
Nein, es gab kein letztes Wort.
ROSA
Wer weiß.
SIBILLA
Das ist die Wahrheit.
ROSA
Lüge oder Wahrheit, wen kümmerts, Hauptsache man hat sein Bestes getan. Ich bin nur dreißig Sekunden weggegangen, hatte gerade mal die Tür aufgemacht.
SIBILLA
Er hat nichts mehr gemerkt.
ROSA
Die wichtigsten dreißig Sekunden unseres Lebens. Und ich war nicht da.
SIBILLA
Sie hätten nichts tun können.
ROSA
Wer weiß. Hätte ich ihn gekniffen, wäre er vielleicht wieder gesund geworden. Ich glaube an Wunder. (Stille)
SIBILLA
Und was werden Sie mit der Geige machen?
ROSA
Seit einer Woche denke ich daran. Ich kann nachts nicht schlafen. Wie soll man eine Wohnung mit einer Geige an der Wand und der Auflage, dass sie dort bleiben muß, verkaufen?  Was soll ich schreiben: Wohnung mit Geige an der Wand zu verkaufen? Wer kauft denn so was?
SIBILLA
Vielleicht war die Geige nur ein Vorwand, er wollte nicht, daß Sie fortgehen.
ROSA
Er hat immer von seinem Testament geredet, hat aber natürlich keins gemacht. Verstehen Sie in welche Schwierigkeiten die Toten uns bringen?
SIBILLA
Man sollte sie behandeln, als wären sie noch am Leben. Und wenn sie eine Ohrfeige verdienen, sollte man ihnen eine verpassen.
ROSA
Sind Sie auch so ein Botaniker, wie Vanni einer war, oder sehen Sie die Botanik auf andere Weise? Gibt es keinen normaleren Weg? Er war Botaniker in einer Art und Weise… er war ein Extremist.
SIBILLA
Ich weiß noch nicht so genau, was ich bin.
ROSA
Gehen Sie wieder nach Amerika?
SIBILLA
Nein. Ich bringe das Buch heraus, und dann gehe ich nach Sumatra.
ROSA
Wo ist Sumatra?
SIBILLA
Im Indischen Ozean. Zwischen Malaysia und Thailand. (Rosa’s Gesicht erhellt sich)
ROSA
Thailand?
SIBILLA
Waren Sie dort?
ROSA
Nein, mein Bruder hat es des Öfteren erwähnt. (Rosa fällt ein Buch herunter. Sibilla hebt es auf.) Sie machen sich schmutzig.
SIBILLA
Bücher machen nicht schmutzig. (Gibt Rosa das Buch. Sie sehen sich in die Augen.)
ROSA
Was ist in Sumatra passiert? Vanni kam verändert von der Reise zurück. Er schien zwanzig Jahre jünger und hundert Jahre älter. Aber vielleicht habe ich nicht das Recht danach zu fragen. Die Frau von einem Klempner kann bestimmte Sachen eben nicht verstehn.
SIBILLA
Bestimmte Sachen versteht auch der nicht, der sie erlebt.
ROSA
Er hätte Ihr Vater sein können. Beziehungsweise Ihr Großvater.
SIBILLA
Es gibt Bücher, die gut zueinander passen, und du weißt nicht warum. Das eine hat ein Türke geschrieben, das andere ein Chinese, das eine ist dick, das andere ist dünn, das eine ist vor tausende Jahren geschrieben worden das andere gestern, du liest sie und es scheint, als wäre das zweite die Fortsetzung des ersten und du verstehst, dass das zweite geschrieben wurde, weil dem ersten die Worte am Ende gefehlt haben, die das zweite für seinen Anfang gefunden hatte, jedoch nicht wusste wohin damit, bis es dem ersten begegnete, das mit seinen Worten seit tausend Jahren gewartet hatte, und so haben die Worte letztendlich einen Kamin, ein Bett und einen gedeckten Tisch gefunden.
ROSA
Ich habe nichts verstanden, aber es gefällt mir. Es war als würde mein Bruder sprechen.
SIBILLA
In der Tat, das sind die Worte Ihres Bruders. Er liebte Metaphern. Und ich habe sie in ein Heftchen geschrieben. (Geht zur Pflanze)
ROSA
Haben Sie gesehn, sie hat noch ein Blatt verloren.
SIBILLA
Ach ja? Hab ich gar nicht bemerkt
ROSA
Für eine Botanikerin sind Sie ziemlich unaufmerksam.
SIBILLA
Es ist… ich bin mit meinen Gedanken ein wenig… (Macht eine hilflose Geste. Rosa deckt die Pflanze ab.) 
ROSA
Es war das oberste. Auch das erste Mal war es das ganz oben. Ich hab es überall gesucht, auf dem Boden, im Topf, unter dem Bett… es ist nicht da. Auch damals war es nicht da. Wer weiß.
SIBILLA
Vielleicht der Wind. (Rosa sieht sie an) Er hat sie sich als Erinnerung mitgenommen.
ROSA
Ja, der Wind macht solche Sachen. Es war ganz sicher der Wind. (Sibilla nimmt die Pflanze. Stille)
ROSA
Wie ist Sumatra?
SIBILLA
Da gibt es wunderschöne Papageien. Die Wälder sind so dicht, dass es auch tagsüber so dunkel ist, als wäre es Nacht. Es gibt Flüsse und Vulkane. Und viele Teeplantagen.
ROSA
Das ist kein Ort für mich.
SIBILLA
Vielleicht ist Ihr wahrer Ort diese Wohnung.
ROSA
Solange es Vanni gab. Aber jetzt …
SIBILLA
Aber jetzt, vielleicht jetzt noch mehr. Ihre Tochter wird eines Tages hierher zurückkehren. Man kehrt stets an den Ort zurück, an dem man glücklich war. Dieses Haus ist ein robustes Haus mit seiner kaputten alten Stufe und seinen Flecken an der Wand. Verlassen Sie es nicht. Es gibt Orte, die uns brauchen, derjenige, der sie erschaffen hat, hat sie für uns erschaffen, bewusst oder unbewusst.
ROSA
Darf ich Sie etwas fragen? (Sibilla sieht sie an) Wie alt sind Sie?
SIBILLA
Sechsundzwanzig.
ROSA
Sie reden, als wären Sie so alt wie ich. Nein, älter.
SIBILLA
Ich wachse schnell. Gewisse Erlebnisse lassen uns Riesenschritte machen.
ROSA
Und sie haben keinen Freund?
SIBILLA
Doch, ich hatte einen, so was Ähnliches. In Boston.
ROSA
Haben sie sich voneinander getrennt?
SIBILLA
Es ist als wären meine Schnürsenkel offen. Ich habe keine Lust sie zuzubinden. Ich gehe barfuß. (Sie öffnet die Tür. Beide sehen sich lange an) Addio, Rosa. Ich hab dich gern. (Sie geht. Rosa bleibt einige Zeit reglos stehen. Man hört, die Haustür ins Schloss fallen. Rosa geht ans Fenster, schaut heraus, ohne daß man sie von unten sehen kann)
ROSA
Addio, Sibilla. Hätte ich mehr Mut, würde ich mit dir nach Sumatra fahren. (Man hört Musik aus Mendelssonhns Konzert. Rosa hört eine Weile zu, dann geht sie zu den Bücherkisten. Sie nimmt ein paar Bücher, schaut sie einen Moment lang an. Dann stellt sie sie schnell und entschieden ins Bücherregal zurück. Sie fährt damit fort, während die Violinenklänge anschwellen und das Licht langsam erlischt).
 

 


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